Aus der Ukraine geflüchtete Menschen gehen in eine Erstaufnahmeeinrichtung. (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)

Wie eine Exil-Bosnierin den Krieg gegen die Ukraine erlebt

mit Informationen von Simin Sadeghi   20.04.2022 | 06:10 Uhr

Vor rund 30 Jahren hat der Krieg in Bosnien begonnen. Er hat mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet und gipfelte in dem Massaker von Srebrenica. Der aktuelle Krieg in der Ukraine lässt bei vielen die Erinnerungen an den Krieg von damals wieder hochkommen. Wir haben eine Exil-Bosnierin getroffen, die vor 30 Jahren eine neue Heimat im Saarland gefunden hat.

Sadija Kavgić musste vor 30 Jahren aus Bosnien fliehen. Inzwischen lebt und arbeitet sie in Saarbrücken unter anderem als Dolmetscherin und Journalistin.

Alte Wunden reißen auf

Ein schreckliches Déjà-Vu
Audio [SR 3, Simin Sadeghi, 20.04.2022, Länge: 02:29 Min.]
Ein schreckliches Déjà-Vu

Die aktuellen Bilder aus der Ukraine reißen bei ihr alte Wunden auf, erinnern an den Krieg in Bosnien, vor dem sie fliehen musste, an all die sinnlose Zerstörung von Städten und die Ermordung von Zivilisten, erzählt sie.

Vor Sadija auf dem Tisch in ihrer Saarbrücker Wohnung liegen alte Fotos aus der Heimat in Sarajevo und Tuzla. Sie erinnert sich noch wie heute an den Tag, als die ersten Schüsse der Serben fielen. Beim Erzählen kommen ihr immer wieder Tränen.

Im April 1992 bricht der Krieg in Bosnien-Herzegowina aus. Die Regionen hatten kurz zuvor für eine Unabhängigkeit vom jugoslawischen Staatsverband gestimmt. Das wollten die Serben nicht anerkennen und überfielen das Land.

Flucht ins Saarland

"Es sind schwere Bilder, die man in sich trägt"
Audio [SR 3, Simin Sadeghi, 20.04.2022, Länge: 01:22 Min.]
"Es sind schwere Bilder, die man in sich trägt"

Als die ersten Granaten einschlugen, die ersten Schüsse fielen, war Sadija Volontärin bei einer Zeitung in Sarajevo. Schnell war klar: Wir müssen hier raus. Erst die Eltern, dann die Schwestern, dann sie.

Mit dem Bus ist sie alleine nach Neunkirchen gekommen zu einem Onkel, der hier schon Jahre lebte. Sie sprach kein Deutsch, hatte keine Idee, was sie machen sollte. Aber die Freude über das Entkommen habe überwiegt, sagt sie.

In den ersten Monaten hat Sadija ihr Geld mit Putzen verdient und ist dann mit ihrer Schwester in eine eigene Wohnung gezogen. Sie war froh über die Hilfsbereitschaft der Saarländerinnen und Saarländer. Sie sei gut umsorgt worden, erzählt sie heute, und auch ihre Wohnung sei dank der großen Hilfe schnell eingerichtet gewesen.

Manchmal habe sie sich aber auch überfordert gefühlt, sagt sie. "Es sind schwere Bilder, die man in sich trägt. Die kannst du nicht so vertreiben. Du bist tieftraurig über das Ganze." Und in manchen Momenten tue einfach alles weh. Inzwischen sind die Bilder und der Schmerz verblasst. Ganz weggehen wird er aber wohl nie.

Ein schreckliches Déjà-Vu

Und nun wirkt es, als wiederhole sich die Geschichte. Am ersten Tag, als russische Truppen die Ukraine überfielen, sei sie in eine tiefe Depression gefallen, sagt Sadija. Die vielen Toten, die Ermordeten in den Vororten von Kiew, ob in Butcha, in Makariw und anderen Orten – sie erinnern an das Massaker von Srebrenica, bei dem 8.000 Bosniaken ermordet wurden. Es sei nicht genug getan worden, das zu verhindern, sagt Sadija.

Selbst die Aufarbeitung hätte nicht verhindert, dass nun wieder Massaker in Europa geschehen. Der Krieg müsse sofort beendet werden, denn sonst sei von der Ukraine, wie es man sie einmal kannte, nichts mehr übrig. Es dürfe auf gar keinen Fall zugelassen werden, "dass die Ukrainer geteilt werden in Ukrainer und Russen, die sich dann gegenseitig hassen."

Das wäre "eine weitere Tragödie und eine Niederlage für Humanitität in ganz Europa".

Ein Thema in der Sendung "Guten Morgen" vom 20.04.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.

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