Bau der Berliner Mauer im August 1961 (Foto: dpa/Günter Bratke)

Geglückte Flucht über die Berliner Mauer

mit Informationen von Ulli Wagner   24.08.2021 | 08:45 Uhr

Am 13. August 1961 verkündet die DDR den Bau einer Mauer und begann auch gleich mit der Abriegelung der Sektorengrenze. Am 22. August gibt es in Berlin die erste Mauertote und zwei Tage später flieht die bis dahin größte Gruppe in den Westen. Ulli Wagner über eine unglaubliche Flucht-Geschichte, die im Saarland endet.

Für Leni Rauscher in Lebach ist der 24. August 2021 ein ganz besonderer Tag. Vor 60 Jahren, elf Tage nachdem die DDR mit dem Bau der Mauer begonnen hatte, ist sie mit sechs weiteren Erwachsenen und zwei kleinen Kindern von Falkensee in Brandenburg nach Spandau in West-Berlin geflohen.

Das Entsetzen war groß

Das Entsetzen war groß als vor 60 Jahren deutlich wurde, dass eine Mauer gebaut werden soll, erzählt Leni Rauscher. "Es konnte keiner fassen, dass die eine Mauer ziehen und wir im Gefängnis drinsitzen. Wir haben nichts gemacht. Wir haben nichts verbrochen. Wir wollten lediglich ein bisschen frei sein".

Die Geschichte einer Flucht in den Westen
Audio [SR 3, Ulli Wagner, 24.08.2021, Länge: 05:54 Min.]
Die Geschichte einer Flucht in den Westen
Für Leni Rauscher in Lebach ist der 24. August 2021 ein ganz besonderer Tag. Vor 60 Jahren, elf Tage nachdem die DDR mit dem Bau der Mauer begonnen hatte, ist sie mit sechs anderen Erwachsenen und zwei kleinen Kindern von Falkensee in Brandenburg nach Spandau in West-Berlin geflohen.

Leni Rauscher lebte damals mit ihrem späteren Mann Ernst dicht an der Grenze, die ab dem 13. August zum absoluten Sperrgebiet geworden war. Zwar war die Mauer noch nicht da, allerdings waren unter anderem bereits Stacheldrahtrollen gelegt worden.

Gemeinsam mit Geschwistern, Schwiegermutter, Nichten und Neffen entschlossen sich Leni und Ernst zu fliehen. Alles Notwendige für die Flucht wurde nach und nach besorgt. "Mein Mann ist ins Hinterland gefahren mit seinen Neffen auf dem Fahrrad, als wenn er angeln fährt, und hat einen Bolzenschneider gekauft. Und so haben wir eins nach dem anderen besorgt", sagt Leni Rauscher.

Am 24. August war es soweit

Ernst und Leni Rauscher (Foto: SR/Ulli Wagner)
Ernst und Leni Rauscher

Über Tage hatten sich die Verwandten von Leni und Ernst Rauscher einzeln zu deren Haus im Grenzgebiet geschlichen und sich dort versteckt. Am 24. August war es soweit. Die Familie hatte sich in dunkler Kleidung versammelt, der Zeitplan der Grenzpatrouille war ausgekundschaftet, der Bolzenschneider lag parat und die beiden Kinder hatten Baldrian-Tropfen bekommen.

Am 24. August 1961, also heute vor 60 Jahren, warteten die sieben Erwachsenen und die beiden Kinder in dunklen Kleidern darauf, dass es dunkel wurde und die Patrouille Pause machte. Der erste Schock kam schon, als sie die Tür aufmachten. Keiner hatte an den Vollmond gedacht. Im Nachhinein war die Gruppe jedoch froh über den Vollmond, erinnert sich Leni Rauscher. "Wir wussten nicht, was uns erwartet an der Grenze. Es hätte ein Minenfeld da sein können, und das wussten wir nicht. Und wir wussten gar nicht, wie viel Zäune da waren, denn vorher kamen wir ja nicht so dicht an die Grenze."

Die Männer gingen als erste, einer schnitt den Stacheldraht durch, die anderen beiden hielten die Ende fest, damit der Knall nicht durch die Nacht peitschte. Es folgten Frauen und Kinder. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Die Schwiegermutter von Leni Rauscher verhakte sich mit Haaren und Jacke im Stacheldraht und rief ihren Söhnen zu, dass sie weiterlaufen und sich in Sicherheit bringen sollten. Denn so hatten sie es ausgemacht: Die Gruppe ist wichtig, der oder die Einzelne nicht. "Aber das hätte keiner von uns gemacht", so Leni Rauscher.

"Wir waren im Westen, sie durften nicht schießen"

Letztlich gelang auch ihrer Schwiegermutter die Flucht und die Familie erreichte gemeinsam den Westen. Nach der letzten Rolle Stacheldraht liefen die neun Republikflüchtlinge buchstäblich um ihr Leben. Es seien Leuchtraketen hochgegangen und die Grenzer seien zusammen gelaufen, "aber wir waren im Westen, sie durften nicht schießen", erzählt Leni Rauscher.

Im Westen, das war genauer gesagt im Westberliner Stadtteil Spandau. Dort wurden sie von "Laubenpiepern", wie Kleingärtner dort heißen, aufgenommen und bald schon von der Polizei ins zentrale Aufnahmelager nach Marienfelde gebracht, wo die sieben Erwachsenen mit den beiden Kindern immer wieder bestaunt wurden: Eine so große Gruppe hatte es noch nie in den Westen geschafft.

Von Berlin ins Saarland

Es sei ihnen dann gesagt worden, dass sie in Berlin nicht bleiben könnten, sagt Rauscher. Das Risiko sei zu groß, dass sie zurückgeholt würden. Auch in Marienfelde habe es Stasi-Leute gegeben.

14 Tage später seien sie dann ausgeflogen worden. "Und ja, dann fing ein neues Leben an." Zuerst für eine kurze Zeit in Homburg und ab Ende September 1961 dann in Lebach.

Dort kamen dann auch die drei Kinder von Leni und Ernst Rauscher zur Welt. Was ihre Eltern auf sich genommen hatten, damit sie in Freiheit aufwachsen, ihre Meinung sagen und nach ihrer Facon glücklich werden konnten, das haben sie en Detail erst erfahren, als ihr Vater schwer dement wurde und die Angst vor der Stasi ihn immer wieder packte. Denn zusammen mit Leni stand Ernst Rauscher zehn Jahre lang auf der Fahndungsliste, dabei hatten die beiden doch nur die Republik verlassen.

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Ein Internetangebot des Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, der Bundeszentrale für politische Bildung, Deutschlandradio und der Stiftung Berliner Mauer

Ein Thema in "Guten Morgen" am 24.08.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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