Familie Walter ist glücklich mit ihren vier Kindern. (Foto: Familie Walter)

Viele Kinder, viele Freuden, viele Herausforderungen

Leonie Rottmann   05.05.2019 | 17:24 Uhr

Kinder gehören für viele Menschen zum Familienglück. Aber Familien mit vielen Kindern stehen vor organisatorischen, finanziellen und sozialen Herausforderungen. Auch die sechsköpfige Familie Walter stößt immer wieder an ihre Grenzen. Die Eltern wünschen sich mehr Unterstützung – dabei möchte der Landesverband des Verbandes kinderreicher Familien Deutschland (KRFD) helfen.

Der Flur der Walters erinnert an den Vorraum eines Kindergartens: Auf tiefen Bänken stehen Rucksäcke, unzählige Jacken in verschiedenen Farben hängen an niedrig angebrachten Haken, Schuhe aller Größen liegen etwas verstreut herum. Insgesamt sechs Personen leben in der Wohnung in St. Ingbert – Inka und Jörg Walter mit ihren Kindern Emma (8), Paula (7), Clara (4) und Luisa (4).

Mit zwei Kindern waren die Eltern sehr glücklich, doch dann kam der Wunsch zum dritten Kind – und aus drei wurden plötzlich vier, weil sich die Zwillinge Clara und Luisa ankündigten. Trotzdem sind die beiden Wunschkinder: „Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, viele Kinder zu bekommen, weil Kinder unsere Zukunft sind“, erzählt Ilka Walter.   

Viele Kinder, viele Ausgaben

Das tägliche Leben der Walters kann schnell chaotisch werden: „Der Alltag ist eine einzige Organisation, von morgens bis abends müssen wir alles durchplanen“, sagt die Mutter der vier Kinder. Schule, Kindergarten, Ferien und Job unter einen Hut zu bringen, ist kompliziert.

Beide Elternteile arbeiten in der Hotelbranche. Jörg Walter arbeitet Vollzeit in der Gastronomie. Ilka Walter arbeitet im Verkauf, wegen der Kinder aber nur 70 Stunden im Monat. „Ganz ohne meinen Job würden wir finanziell aber vorne und hinten nicht über die Runden kommen“, sagt die 42-jährige Mutter. Monatlich bezahlt die Familie nur für Kindergarten und Hort für alle vier Kinder zusammen 1000 Euro – dafür reicht nicht mal das Kindergeld, denn das liegt bei insgesamt etwa 880 Euro im Monat.

Die Arbeit des Verbandes

Der KRFD-Landesverband setzt sich seit Februar für die Interessen kinderreicher Familien ein – das sind Familien mit drei oder mehr Kindern. Es geht vor allem um Lobbyarbeit für mehr finanzielle und organisatorische Entlastung.  

Die Herausforderungen von Großfamilien kennt auch Annika Gebhard, Vorsitzende des KRFD-Landesverbandes Saarland: „Ab dem dritten Kind potenziert sich sehr viel. Vieles in der Gesellschaft ist auf Familien mit zwei Kindern ausgelegt“, sagt die Mutter von drei Kindern. „Eis essen, Urlaub, Geschenke: Das geht mit mehreren Kindern schnell richtig ins Geld.“ Familie Walter gehört zu den 24 ersten Mitgliedsfamilien des Verbandes und hofft, dass der Verband bald die Interessen der Großfamilien ansprechen, vertreten und im besten Fall auch durchsetzen wird.

Der Verband möchte möglichst viele Angebote schaffen, die sich auch Familien mit vielen Kindern leisten können. Unter anderem sei eine Tauschbörse für Kinderkleidung und ein Netzwerk für Nachbarschaftshilfe geplant. „Ganz viel lässt sich unbürokratisch mit anderen Familien regeln, zum Beispiel Babysitter“, sagt Annika Gebhard.

Siegel für Familienfreundlichkeit

Für große Freizeitaktivitäten haben die Walters kein Geld. Die Geburtstage feiert die Familie zu Hause und bei Ausflügen sucht sie meistens kostenlose Angebote aus. Sie backen, fahren Fahrrad, machen Picknick am Weiher oder spielen zusammen. „Es muss nicht immer Geldregen sein. Letztendlich geht es um die gemeinsame Zeit. Da sind die Kinder glücklich – viel mehr braucht es nicht“, sagt Jörg Walter.

Wenn sich die Familie doch mal für eine Freizeitaktivität entscheidet, entsteht oft Frust: Geschwisterrabatt gebe es oft nicht für so viele Kinder. Im Normalfall seien zwei Kinder in einer Familienkarte enthalten und alle weiteren müssten zusätzlich bezahlt werden. Das macht Jörg Walter wütend: „Eine Familie ist eine Familie – ob mit zwei, drei oder fünf Kindern ist doch völlig egal.“

Darüber ärgert sich auch Annika Gebhard. „Mittelstandsgroßfamilien können sich oft keine oder kaum Freizeitaktivitäten leisten“, sagt sie. „Deswegen haben wir – beziehungsweise der Bundesverband – das ‚Fair Family‘ Gütesiegel eingeführt, das familienfreundliche Unternehmen auszeichnet, die sich besonders für die Interessen der Großfamilien einsetzen.“ Das können besonders familienfreundliche Arbeitgeber, Produkte, Angebote oder Projekte sein.

Hohes Risiko für Altersarmut

Ilka Walter war bei allen Kindern in Elternzeit. Einerseits freut sich die Mutter darüber, dass sie ihre Kinder vor allem in den ersten Lebensjahren so intensiv betreuen konnte, andererseits macht ihr das auch Angst vor der Zukunft: „Beim Thema Altersvorsorge mache ich immer Witze, wenn der Rentenbescheid kommt und ich mir die 285,73 Euro im Monat ansehe“, sagt sie.

Die Altersvorsorge wird auch in der Arbeit des KRFD-Landesverbandes behandelt: „Frauen mit vielen Kindern sind extrem von Altersarmut bedroht, weil sie oft nur in Teilzeit arbeiten. Wir setzen uns dafür ein, dass die Erfahrung in der Elternzeit angerechnet wird“, sagt die Vorsitzende. Der Verband befinde sich noch ganz am Anfang und müsse aufgebaut werden. Weitere Ziele seien zum Beispiel gemeinsame schul- und kitafreie Tage und mehr Fördermaßnahmen bei Klassenfahrten oder Lehrmitteln.  

Die Freude überwiegt

So groß die Herausforderungen für Großfamilien manchmal auch sind – für Familienvater Jörg Walter sind viele Kinder ein Freudenmultiplikator: „Wenn die Kinder freudestrahlend auf mich zu rennen, ist das einfach Glück. Und Glück gemeinsam zu erleben, ist doch das schönste, was man erleben kann.“

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