Gebäude der HNO-Klinik, Uni Homburg (Foto: SR)

Eltern suchen Klarheit

Thomas Gerber / Onlinefassung: Kai Forst   10.12.2019 | 08:01 Uhr

Seit dem Bekanntwerden des mutmaßlichen Missbrauchsskandals an der Uniklinik Homburg quälen sich viele Eltern mit der Frage: Was ist meinem Kind widerfahren? Im Gespräch mit einem Elternpaar wird deutlich, dass sie im Unklaren gelassen werden. Besonders pikant: Unterlagen und Fotos früherer Untersuchungen sind offenbar verschwunden.

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Missbrauchsskandal am UKS: Gespräch mit besorgten Eltern
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 10.12.2019, Länge: 02:36 Min.]
Missbrauchsskandal am UKS: Gespräch mit besorgten Eltern

Anita und Peter* waren 2012 drei Mal mit ihrem Sohn zur Behandlung in der Ausscheidungsambulanz. Jan*, damals sieben, ist Autist, leidet an dem Asperger-Syndrom. Damals, vor sieben Jahren, nässte er ein. Deshalb wurde er von der Kinderpsychiatrie zur weiteren Abklärung in die Ausscheidungsambulanz geschickt.

Der inzwischen verstorbene Assistenzarzt Matthias S. untersuchte den Jungen im Genitalbereich - sehr gründlich, wie Peter schon damals dachte: "Übergriffig würde ich nicht direkt sagen. Ich fand es aber ungewöhnlich, dass so viele Fotos angefertigt wurden."

"Er hat darauf gedrängt, dass wir den Raum verlassen"

Merkwürdig erschien den Eltern auch der Versuch des Arztes, die Eltern rauszuschicken. "Das hat mich damals schon gestört. Er hat dreimal drauf gedrängt, dass wir den Raum verlassen." Dem kamen Anita und Peter nicht nach. Sie blieben bei ihrem Sohn - auch, weil sie wussten, dass er bei einer Untersuchung ihre Nähe braucht. In der Vergangenheit mussten sie einmal miterleben, dass Jan einen Arzt gebissen hatte.

"Wir waren laut deren Akten nie dort"

Kommentar: "Das Bemühen um Aufklärung ist vorhanden"
Audio [SR 3, Kommentar von Thomas Gerber, 10.12.2019, Länge: 01:19 Min.]
Kommentar: "Das Bemühen um Aufklärung ist vorhanden"

So war der Siebenjährige keine Minute mit Matthias S. allein im Raum. Die intensive körperliche Untersuchung hatte für ihn keine Folgen. Trotzdem wollten Peter und Anita jetzt wissen, was damals genau geschehen ist. Zum Beispiel auch, wo die Fotos sind. Sie haben beim ärztlichen Direktor der UKS, Professor Wolfgang Reith, vorgesprochen. Klarheit bekamen sie nicht. "Wir haben laut der Akte und auch laut der Abrechnungen keinerlei Fußspuren in der Ausscheidungsambulanz hinterlassen. Wir waren laut deren Akten nie dort", erzählt Anita.

Wo die Unterlagen sind, ist unklar. Ob sie jemand entsorgt hat, um Spuren zu verwischen, bleibt Spekulation. Anita und Peter haben sich inzwischen an den Sonderermittler der Staatskanzlei gewandt. Er will versuchen, die Vorgänge aufzuklären. Der erfahrene Kripobeamte konnte zumindest in einem Punkt Entwarnung geben. Die Fotos ihres Jungen sind offenbar nicht ins Netz gelangt. Nach den bisherigen Erkenntnissen war Matthias S. weder Mitglied eines Kinderporno-Rings, noch auf einschlägigen Tauschbörsen unterwegs.

Dass es in der Ambulanz zu sexuellem Missbrauch gekommen war, ist letztlich nicht bewiesen. Allerdings kam jüngst eine externe Gutachterin zu dem Ergebnis, dass Matthias S. auffallend häufig Untersuchungen im Anal- und Genitalbereich vorgenommen hatte.

*Anm.d.Red.: Die Namen aller im Text auftauchender Menschen wurden geändert.


Kommentar von Thomas Gerber

Das Bemühen ist vorhanden: Die Staatskanzlei versucht mit einem Sonderermittler Licht ins Dunkel zu bringen. Der Landtag mit einem Untersuchungsausschuss. Allerdings Jahre nach den mutmaßlichen Übergriffen und dem Tod von Assistenzarzt Matthias S. lassen sich die Fakten wohl kaum mehr rekonstruieren. Ob es in der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie tatsächlich zu sexuellem Missbrauch gekommen ist – diese Frage kann vermutlich nie eindeutig beantwortet werden.

Was aber festzustehen scheint: Matthias S. hatte pädophile Neigungen, hatte viel zu oft und medizinisch nicht indiziert Untersuchungen im Genitalbereich seiner kleinen Patienten durchgeführt. Grenzverletzungen nannte es jüngst eine Gutachterin, die ihm möglicherweise bewusst waren.

Hatte die Gutachterin doch herausgefunden, dass S. Kürzel für durchgeführte Rektal-Untersuchungen in den Krankenakten entweder bewusst klein geschrieben oder gar übermalt hatte. Was während der Untersuchungen in seinem Kopf vorgegangen war, die subjektive Seite der mutmaßlichen Taten also, das werden wir nie erfahren. Für Eltern und Betroffene wird es so bei der quälenden Ungewissheit bleiben. Umso mehr sind die Klinikverantwortlichen gefordert. Sie müssen Kommunikationsfehler von damals einräumen, neue vermeiden und Transparenz nicht nur geloben, sondern auch umsetzen.

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle am 10.12.2019 berichtet.

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