Mehrere Jugendliche stehen zusammen. (Foto: dpa/Armin Weigel)

AWO-Wohngruppenprojekt sorgt für Ärger im Stadtrat

Lena Schmidtke   13.07.2020 | 16:45 Uhr

Sie werden "Systemsprenger" genannt - weil sie sich einfach nicht einfügen können - selbst wenn sie es wollten: Jugendliche, die häufig auch eine schlimme Geschichte hinter sich haben. Es gibt soziale und psychologische Einrichtungen, wo versucht wird, diesen jungen Menschen zu helfen. In Homburg, wo es eine der nur zwei saarländischen Kinder- und Jugendpsychiatrien gibt - soll eine geschlossene Wohngruppe für genau diese Jugendlichen entstehen. Doch die Bürger vor Ort laufen dagegen Sturm.

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Geplante AWO-Wohngruppe löst Unmut im Homburger Stadtrat aus
Audio [SR 3, Lena Schmidtke, 13.07.2020, Länge: 03:06 Min.]
Geplante AWO-Wohngruppe löst Unmut im Homburger Stadtrat aus

Seit 2016 plant die AWO eine geschlossene Wohngruppe für Kinder und Jugendliche, hatte für das Projekt bereits die Zustimmung des Homburger Bau- und Sozialausschusses. Der Bebauungsplan stand, gefehlt hat nur noch die Zustimmung des Stadtrats zum Bauantrag – und der lehnte erst mal ab. "Nach Rechtslage kann der Stadtrat gar nicht ablehnen. Aber es steht halt im kommunalen Selbstverwaltungsgesetzt, dass der Rat bei solchen Dingen zu beteiligen ist. Und deshalb musste die Abstimmung nochmal durchgeführt werden", sagt Wilfried Bohn, SPD-Fraktionsvorsitzender im Homburg Stadtrat.

Per Gesetz zur Zustimmung gezwungen – das kam im Stadtrat nicht gut an. Der Bauantrag rückte in den Hintergrund, das gesamte Projekte wurde in Frage gestellt. Es gebe viel zu wenig Personal und auch der Standort sei ungeeignet, so die Argumente.

AWO ist von Standort überzeugt

Das sei Unsinn, sagt Birgit Luhmann, Leiterin der AWO Jugendhilfe Saarland. Auf sieben Kinder und Jugendliche kämen elf Betreuer und der Standort sei ideal, unter anderem, weil die Gebäude für die Wohngruppe lediglich umgebaut werden müssten. Ein anderer Standort käme wesentlich teurer, das Konzept müsste ganz neu geschrieben werden und ein entsprechendes Gebäude entsprechend hergerichtet oder sogar gebaut werden. Außerdem sei die Wohngruppe ganz in der Nähe der Leitstelle und grenze an andere AWO-Einrichtungen an.

Doch genau Letzteres störe den Stadtrat, sagt Wilfried Bohn. Hinter dem Gebäude, in dem die Wohngruppe einziehen soll, gibt es eine AWO-Kindertagesstätte und auch die städtische Musikschule hat hier ihren Sitz. Im Stadtrat befürchte man, dass es zu negativen Begegnungen kommen könnte, weshalb die Mehrheit im Rat den Standort für ungeeignet hält.

Thema Sicherheit

Birgit Luhmann hält Zusammenstöße mit den in der Wohngruppe untergebrachten Kinder und Jugendlichen für unwahrscheinlich. „Ein Großteil der Umbaumaßnahmen wird sich auf die Sicherheit beziehen, technisch und baulich. Natürlich gibt es eine Umrandung des Geländes und die Fenster sind nicht einfach zu öffnen, sodass man rausspringen und weglaufen kann.“ Außerdem gibt sie zu bedenken: In Deutschland gibt es derzeit 300 Plätze in geschlossenen Wohngruppen – aber 1200 Kinder und Jugendliche, die laut richterlichem Beschluss dort eingewiesen sind. „Diese Jugendlichen sollen eigentlich untergebracht werden. Da es nicht genug Plätze gibt, sind die jetzt in offenen Einrichtungen, auch in unseren Einrichtungen." Um so wichtiger sei es deshalb, dass die geschlossene Wohngruppe in Homburg bald realisiert werden könne.

AWO sucht Gespräch mit den Fraktionen

Obwohl der Stadtrat dem Bauantrag in einer zweiten Abstimmung jetzt zugestimmt hat, will die AWO alle Streitigkeiten beseitigen: „Noch heute gehen Einladungen an alle Fraktionen raus. Es scheint Informationsbedarf zu geben. Und wir werden uns mit allen hinsetzen und erklären, was wir vorhaben. Und sind sehr darauf bedacht, dass die Wogen sich glätten", sagt die AWO-Leiterin.

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 13.07.2020 auf SR 3 Saarlandwelle

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