Der St. Johanner Markt Anfang Mitte der 1950er Jahre (Foto: Stadtarchiv Saarbrücken)

Vom Rotlichtviertel zum Herzen Saarbrückens

Kai Forst   05.05.2019 | 08:30 Uhr

Flanieren, schlemmen, wohlfühlen: Der St. Johanner Markt ist das Herzstück von Saarbrücken. Doch so wie ihn die Besucher heute kennen - als Familientreffpunkt - sah der Platz nicht immer aus. Bis in die 70er Jahre war der Markt ein florierendes Rotlichtviertel. Nun feiert die "gute Stube" des Saarlandes nach dem Umbau zur Fußgängerzone 40. Geburtstag.

Jeder, der schon einmal in Saarbrücken war, kennt ihn: den St. Johanner Markt. Der großräumige Platz mit dickem Kopfsteinpflaster, zahlreichen Cafés und sanierten historischen Gebäuden lädt sowohl Einheimische als auch Besucher von auswärts ein, das Leben zu genießen. Über den Wochenmarkt mit regionalen Produkten schlendern, essen, trinken oder sich einfach nur die Sonne auf den Pelz scheinen lassen: Der St. Johanner Markt steht seit vier Jahrzehnten für „Savoir vivre“ made im Saarland. Für Peter Mögling, der seit vielen Jahren Stadtführungen durch Saarbrücken leitet, ist der Markt aber noch mehr. „Er ist die Seele der Stadt Saarbrücken. Er ist Treffpunkt für Jung und Alt, für Deutsche und Franzosen“, erzählt der 80-Jährige.

"Unten Tanzfläche, oben Bordell"

Mögling kennt den Platz und seine Geschichte wie kaum ein anderer - und das obwohl er gebürtig aus dem Emsland kommt. Inzwischen lebt er schon seit 57 Jahren in Saarbrücken und erinnert sich an die 60er und 70er Jahre. Damals war der Markt noch ein Rotlichtviertel, in dem die Arbeiter der Stadt den schwer verdienten Lohn für leichte Mädchen ausgaben. „Der Markt war bis in die 1970er Jahre eine florierende Rotlichtmeile. Ein Großteil der Gastronomie am Markt hat davon gelebt.“ Heute zeugen nur noch einige Namen von der illustren Zeit. Die „Tante Maja“ und die „Tante Anna“ zum Beipiel - inzwischen beliebte Anlaufstellen für Milchcafé, Pils und Crémant, waren früher Hotspots des Rotlichts.

„Die Tante Maja war ein Haus, das sehr viele Damen beherbergt hat. Unten im Haus gab es eine Tanzfläche mit Livemusik und oben hatten die Mädchen ihre Zimmer“, erzählt Mögling. Der Name „Maja“ geht auf die frühere Besitzerin Marie-Luise Wiesenseel zurück, die in den 50er Jahren das Bordell eröffnete. Nach ihrem Tod wurde der Name weitergeführt. „Heute ist die Maja eines der bekanntesten Restaurants der Stadt.“ Noch berüchtigter, so Mögling, war früher die Seitenstraße gleich an der Ecke der „Maja“, die Kappenstraße. „Was für Hamburg die Herbertstraße ist, war für Saarbrücken lange die 'Kappegass'."

St. Johanner Mark: die gute Stube der Stadt

Neben dem Rotlicht war der Markt früher zudem von Straßenbahn und Autoverkehr geprägt. „Die letzte Straßenbahn ist 1965 über den Markt gefahren, die Autos ja noch eine ganze Weile länger." Erst Ende der 70er Jahre veränderte sich das Erscheinungsbild, als der St. Johanner Markt unter SPD-Oberbürgermeister Oskar Lafontaine grundlegend umgestaltet wurde. Auch der berühmte Marktbrunnen, im 18. Jahrhundert vom Barock-Baumeister Friedrich Joachim Stengel errichtet, wurde wieder an seinen Ursprungsplatz gebaut, nachdem ihn Adolf Hitler hatte versetzen lassen. „Die Nazis brauchten Platz für ihre Paraden und haben den Brunnen versetzt. Während des zweiten Weltkrieges hatte man ihn sogar mit Beton umbaut, um ihn vor den Bomben zu schützen“, sagt Mögling.

Das erste Bruch-Bier im „Stiefel"

Am 1. Mai 1979 eröffnete schließlich Bundeskanzler Helmut Schmidt den sanierten Markt, der seitdem das Wahrzeichen und die „gute Stube“ der Landeshauptstadt ist. Dabei ist der Umbau so gut gelungen, dass noch immer vieles an die Jahrhunderte alte Historie erinnert. „Das Gasthaus ‚zum Stiefel‘ ist das älteste Gasthaus hier bei uns in der Stadt. Da hat schon 1702 ein Schuhmacher Bier verkauft“, weiß Mögling. Das Bier wiederum kam von keinem Unbekannten. „Ein junger Mann namens Daniel Bruch wohnte neben dem Schuhmacher, der außerdem eine hübsche Tochter hatte. Die beiden heirateten schließlich und so ist die Brauereifamilie Bruch entstanden, die heute noch in Saarbrücken Bier braut.“

Der Markt: Wohlfühlen und Völkerverständigung

Für Mögling ist der St. Johanner Markt heute mehr als nur ein schöner Platz mit Geschichte. Durch seine zahlreichen Führungen weiß der 80-Jährige, dass der Markt bei Besuchern von außerhalb wesentlich dazu beiträgt, dass sie Saarbrücken und das Saarland generell mit anderen Augen wahrnehmen. „Wenn ich mit einer Gruppe bei schönem Wetter an den Markt komme und da sitzen überall Menschen - das macht Eindruck bei den Gästen. Viele kennen das Saarland und Saarbrücken überhaupt nicht. Die befürchten ja das Schlimmste, wenn sie hierher kommen und sind manchmal überrascht, dass wir hier überhaupt deutsch sprechen“, schmunzelt der Stadtkenner.

Der St. Johanner Markt - das Herz der Stadt - wird als Fußgängerzone 40 Jahre alt. Ein Platz, der nicht nur für Gastronomie in schönem Ambiente steht, sondern auch für Völkerverständigung und Kulturaustausch. Ein Platz, der das Bild der Stadt und vielleicht sogar das des gesamten Bundeslandes nachhaltig geprägt hat und dafür sorgt, dass auch Gäste von außerhalb mit einem guten Gefühl die Heimreise antreten.