Verzweifelter Flüchtling bei der polizeilichen Vernehmung (Foto: mags/SR)

Hohe Hürden für afrikanische Geflüchtete aus der Ukraine

mit Informationen von Patrick Wiermer   29.11.2022 | 12:50 Uhr

Weit über 10.000 Menschen sind seit Beginn des russischen Angriffkrieges aus der Ukraine ins Saarland gekommen. Wer die ukrainische Staatsbürgerschaft besitzt, hat in der Regel ein Anrecht darauf, sich mindestens zwei Jahre in den Deutschland aufzuhalten. Doch was ist mit Menschen, die aus der Ukraine zu uns geflohen sind, aber keinen ukrainischen Pass haben?

Geflüchtete aus der Ukraine, die nicht die ukrainische Staatsbürgerschaft haben und aus sogenannten Drittstaaten stammen, also Nicht-EU-Ländern wie zum Beispiel Ländern in Afrika, können in Deutschland keine Aufenthaltserlaubnis für mindestens zwei Jahre beantragen, sondern nur eine sogenannte Fiktionsbescheinigung, die jetzt im Dezember ablaufen sollte.

Rund 520 Menschen sind im Saarland davon betroffen - darunter zum Beispiel afrikanische Studierende, die an den Unis in der Ukraine eingeschrieben und ins Saarland vor dem Krieg geflohen sind. Viele von ihnen fühlen sich hier jetzt unfair behandelt.

Audio

Hohe Hürden für afrikanische Geflüchtete aus der Ukraine im Saarland
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 29.11.2022, Länge: 03:18 Min.]
Hohe Hürden für afrikanische Geflüchtete aus der Ukraine im Saarland

"Haben alles zurückgelassen"

"Wir haben wirklich alles zurückgelassen, nicht nur unsere Sachen, sondern auch unsere Arbeit. Einfach alles", sagt Samuel. Der 34-Jährige stammt aus Ghana. Er hat einen Uni-Abschluss in Geografie, zuletzt studierte er Öffentliche Verwaltung in Charkiw. Im Zuge des Angriffskrieges auf die Ukraine musste auch er, wie viele seiner Mitstudenten, fliehen.

"Es war wirklich nicht leicht für uns", sagt er: "Am Checkpoint an der ukrainisch-polnischen Grenze hatte wir den Eindruck, dass sie nicht wirklich wollten, dass wir da durch gehen. Wahrscheinlich lag es an unserer Hautfarbe. Wir mussten sehr lange in der Schlange stehen, während die anderen einfach vorbeigegangen sind. Irgendwann kamen wir an die deutsche Grenze. Dort wurde nochmal alles kontrolliert. Dann wünschten sie uns 'Viel Glück', und jetzt sind wir im Saarland.“

Geflüchtete zweiter Klasse?

Mit "wir" meint Samuel eine Gruppe von Afrikanern mit gleichem Schicksal, die in Saarbrücken gelandet sind: "Wir haben alle gearbeitet, viele von uns haben einen Uni-Abschluss, darunter auch Ärzte und Krankenschwestern, Doktoren und Schwesterm. Und wir wollen hier arbeiten."

Aber genau das dürfen sie hier ohne Arbeitserlaubnis nicht. Auch Integratoinskurse seien vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) abgelehnt worden - wegen der fehlenden Arbeitserlaubnis, so Samuel. Im Vergleich zu den ukrainischen Flüchtlingen fühlten sie sich deshalb unfair behandelt.

Ungewisse Zukunft

Er wisse nicht mehr, was er und seine Mitgeflüchteten tun sollen: „Irgendwann war das Sozialamt für uns zuständig, dann gingen wir zum Jobcenter. Da sagte man uns, Ihr dürft nicht arbeiten. Also wieder zurück zum Sozialamt." Für viele laufe außerdem die Fiktionsbescheinigung und damit auch ihre Aufenthaltserlaubnis jetzt im Dezember ab.

Immerhin: Fürs Erste ist die Unsicherheit beseitigt. Bei einem Teil der Gruppe wurde die Fiktionsbescheinigung um ein Jahr verlängert, bei den anderen stehen laut Innenministerium bereits Gespräche für eine Verlängerung an. Die Abschiebung ist damit erstmal vom Tisch. Und die Afrikaner dürften auch arbeiten, heißt es seitens des Ministeriums.

Hohe Hürden in Deutschland

Eine weitere Schwierigkeit: Um etwa ein Studium oder eine Ausbildung fortzusetzen, braucht es die entsprechende Nachweise, die in den Wirren des Krieges nicht aufzutreiben sind.

Und es braucht Geld: Denn wer in Deutschland bleiben will, muss beweisen, dass er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Dafür braucht es fast 11.000 Euro, dass auf einem sogenannten Sperrkonto hinterlegt werden muss. Das sei nicht zu schaffen, sagt Samuel.

Ein Thema in der Sendung "Region am Mittag" am 29.11.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja