Eine junge Frau hält die Hände einer älteren Frau (Foto: dpa/Patrick Pleul)

Nicht mit den Greimerathern!

Reichspogromnacht 1938

Nadine Thielen   09.11.2018 | 06:10 Uhr

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, das sich am 9. November 2018 zum 80. Mal jährt: die Reichspogromnacht. Überall in Deutschland haben die Nazis und Mitläufer jüdische Mitbürger verfolgt, ihre Geschäfte geplündert und zerstört und 400 Menschen getötet oder in den Tod getrieben. In jedem noch so kleinen Dorf haben die Menschen mitgemacht - nur in Greimerath – einer kleinen Gemeinde im Hochwald - war das anders. Die Greimerather haben sich gegen den Mob gewehrt und die Juden im Ort versucht zu schützen.

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Reichspogromnacht 1938 - aber nicht mit den Greimerathern!
Audio [SR 3, Nadine Thielen, 09.11.2018, Länge: 02:30 Min.]
Reichspogromnacht 1938 - aber nicht mit den Greimerathern!

Was kann ein kleiner Ort im Hochwald schon ausrichten gegen einen wütenden Mob? Eine ganze Menge, das zeigt das Beispiel der Reichspogromnacht vor genau 80 Jahren in Greimerath im Hochwald. Das Dorf hat sich schützend vor die jüdische Familie gestellt, als ein Mob sie vertreiben wollte.

Resi Marx zeigt mir ein Foto von dem Schlüssel, den sie den Brüdern Rene und Kurt Herrmann erst vor wenigen Jahren geschenkt hat. Der Schlüssel zu dem Haus, in dem Resi Marx und ihre Familie heute das Restaurant Greimerather Forst betrieben und das das Elternhaus der beiden Brüder war.

In den 1930er Jahren gehörte das Restaurant und die dazugehörige Metzgerei der Familie Herrmann. Die Herrmanns waren Juden – aber zuallererst waren sie Greimerather und beliebt im Dorf.

In der Reichspogromnacht zerstörten Nazis und Mitläufer aus dem Nachbarort das Zuhause der Herrmanns. Die Greimerather stellten sich schützend vor sie – nahmen sie in ihren eigenen Häusern auf. Trotz des Mutes der Greimerather wurde die Familie jedoch später von den Nazis deportiert. Nur zwei der vier Kinder der Hoffmanns überlebten die Nazischrecken und ihre Folgen: die Brüder Kurt und Rene. Die beiden wanderten nach dem Krieg in die USA aus. Doch sie haben die Greimerather nie vergessen.

In den 80er Jahren kamen die beiden Brüder immer wieder aus ihrer neuen Heimat zu Besuch nach Greimerath. In ihrem ehemaligen Elternhaus, das die Eltern von Resi Marx in den 50er Jahren gekauft hatten, waren sie herzlich willkommen. Es sei eine richtige Freundschaft entstanden, die beiden Familien seinen fast zu einer Familie geworden, sagt Resi Marx.

Und nicht nur die Familie Marx hat die Geschichte der Herrmanns nie vergessen. Die Greimerather haben Rene und Kurt Hermann vor wenigen Wochen die Ehrenbürgerschaft verliehen. Rene Herrmann ist kurz nach seinem letzten Besuch in Greimerath in den USA verstorben, sein Bruder lebt noch dort.

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