Adipositas (Foto: pixabay CC0)

Pfunde und Psyche

Interviews: Michael Friemel /Renate Wanninger   05.11.2021 | 07:00 Uhr

Übergewicht hat oftmals Diabetes zur Folge und ist quasi zur Volkskrankheit geworden. Und bei weitem nicht nur Erwachsene sind betroffen. Doch wie kommt es, dass Menschen weit über das normale Maß hinaus an Gewicht zulegen? Und was kann man dagegen tun?

Dr. Monika Vogelgesang ist Chefärztin an der Klinik Münchwies. Sie sagt: Einer der Gründe, weshalb Menschen massiv an Gewicht zunehmen würden, sei beispielsweise der Griff zu Süßigkeiten, wenn es psychische Belastungen wie zum Beispiel Trauer oder Stress gebe.

Essen zur Problembewältigung

Vogelgesang: "Übergewicht verursacht auch psychische Probleme"
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger, 05.11.2021, Länge: 08:09 Min.]
Vogelgesang: "Übergewicht verursacht auch psychische Probleme"
Interview mit Dr. Monika Vogelgesang, Chefärztin an der Klinik Münchwies.

Essen als Trost und Essen als Entspannung. "In Stress-Situationen verlangt unser Gehirn nach schnell verfügbaren Kohlenhydraten", so die Medizinerin.

Doch dann kommt die Kehrseite: Man nimmt schnell zu. Diese Gewichtszunahme führe dann wiederum zu neuen psychischen Problemen. Die Kleidung passe plötzlich nicht mehr, man finde sich nicht mehr attraktiv und oftmals reagiere auch die Umwelt negativ. Heutzutage sei das Toleranzspektrum ziemlich eng geworden - "und viele Übergewichtige werden auch gemobbt", so Vogelgesang. Die Folge: Essen als Trost. Es ist also ein Teufelskreis.

Besonders besorgniserregend sei zudem, dass das Schlankheitsdiktat inzwischen auch bei den Kleinen angekommen sei. Dass Mädchen im Kindergarten sich schon darüber unterhalten, dass sie zu dick seien, eine Diät machen müssten.

Finger weg von Diäten

Apropos Diät. Von Diäten sollte man die Finger lassen. Durch die Diät, quasi das Verbot zu essen, was man will, löst man im Grunde das Gefühl aus, zu kurz zu kommen und das hat oftmals dann Heißhungerattacken zur Folge. "Diäten sind für adipöse Patienten Gift", sagt Psychotherapeutin Johanna Meyer-Gutknecht von der Median-Klinik Münchwies.

Wieder auf den eigenen Körper hören

In der Klinik in Münchwies lernt man erst einmal wieder, auf den eigenen Körper zu hören und nur dann zu essen, wenn man wirklich Hunger hat und nicht, um mit anderen Gefühlen fertig zu werden.

Bewegung, die Spaß macht

Spaziergang (Foto: dpa/Mohssen Assanimoghaddam)

Um den Pfunden zu Leibe zu rücken, empfiehlt die Vogelgesang Bewegung - aber Bewegung ohne Leistungsdruck.

Es gehe darum, Bewegung wieder in das tägliche Leben mit einzubauen. Wem Jogging zu anstrengend sei, der sollte einfach spazieren gehen. Oder tanzen. Woran man eben seine Freude habe.

Das Gute an regelmäßiger Bewegung sei, dass man dabei nicht nur Kalorien verbrenne und Fett abbaue, sondern sich mit der Zeit in seinem Körper auch wohler fühle, so Vogelgesang.

Die Ernährung

Schale mit Basilikum und Rosmarin neben Schale mit Walnüssen (Foto: SR)

Zu dem Bewegungsprogramm gehöre aber auch eine gesunde Ernährung. Es gehe darum, die Freude an Nahrungsmitteln wieder zu entdecken, die gesund und naturbelassen seien. "Die hoch verarbeiteten Nahrungsmittel enthalten sehr viel schnell aufschließbaren Zucker."

Die Umstellung in der Ernährung brauche aber einige Zeit. Drei bis vier Wochen könne es schon dauern, bis sich das Geschmacksempfinden verändere. Und wer befürchtet, eine komplette Nahrungsumstellung nicht durchzuhalten, dem empfiehlt Vogelgesang, Schritt für Schritt vorzugehen. Zum Beispiel erst einmal die Süßigkeiten weglassen.

Gut zu sich selber sein

Entscheidend sei, dass man Geduld habe, mit sich auch nachsichtig sei und sich immer mal wieder selbst lobe. Vogelgesang empfiehlt zudem, sich kleine Belohnungen zu gönnen - Belohnungen, die jedoch nichts mit Essen zu tun haben sollten.

Besser gemeinsam als allein

Den Weg beim Abnehmen sollte man am besten mit anderen gemeinsam gehen. "Alle Verhaltensänderungen sind leichter, wenn man es mit anderen zusammen tut." Dabei gehe es nicht um Wettbewerb, sondern um den Austausch und die gegenseitige Unterstützung.

Die Gewichtskontrolle

Person steht auf einer Körperfettwaage (Foto: dpa)

Von dem täglichen Gang auf die Waage rät die Medizinerin ab. Durch hormonelle Veränderungen und Unterschiede im Salzgehalt der Nahrung speichere der Körper unterschiedlich viel Wasser - und das spiegle sich auch auf der Waage wieder und könne dann mitunter richtiggehend entmutigen. Ihre Empfehlung lautet: einmal pro Woche wiegen - am besten immer zur gleichen Zeit. "Dann spielen die kleinen, zufälligen Schwankungen nicht mehr eine so große Rolle."

Zustätzlich könne man auch ein bestimmtes Kleidungsstück auswählen und einmal pro Woche testen, ob sich der Sitz verändert habe. Eine sehr sinnliche Motivation.


Interview: Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft

Käufer greift nach Waren im Regal eines Lebensmittelgeschäfts (Foto: dpa)

Immer mehr Menschen haben Probleme mit Übergewicht und erkranken oftmals dann auch an Diabetes. Inzwischen sind davon auch viele Kinder betroffen. Es ist eines der Probleme unserer Zeit. Und es ist nicht neu. Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft fordern von der Politik, es uns allen leichter zu machen, uns gesünder zu ernähren.

"Richtig erfolgreich sind Maßnahmenbündel"
Audio [SR 3, Interview: Michael Friemel, 05.11.2021, Länge: 02:21 Min.]
"Richtig erfolgreich sind Maßnahmenbündel"
Interview mit Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft.

Barbara Bitzer ist Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. Im SR-Interview prangert sie an, dass die Politik nicht entschieden genug handelt. "Die deutsche Politik setzt ausschließlicht auf Freiwilligkeit, auf Appelle an die Eigenverantwortung." Dabei müsste es verpflichtende Maßnahmen geben, so Bitzer. Dazu gehörten:

  • ein Verbot von Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richtet
  • eine höhere Besteuerung ungesunder Produkte und eine Steuersenkung für gesunde Nahrungsmittel
  • eine verpflichtende Kennzeichung der Lebensmittel für eine leichtere Orientierung
  • verbindliche Standards für die Kita- und Schulernährung und eine verpflichtende Stunde Schulsport am Tag.

Die Wirtschaft müsste sich umstellen

Schon einzelne Maßnahmen würden dabei greifen, sagt Bitzer. Das könne man beispielsweise in Großbritannien sehen. Die Einführung einer Abgabe auf Softdrinks habe zu einer Änderung beim Einkaufsverhalten geführt und die Hersteller seien dadurch animiert worden, ihre Rezepturen zu ändern.

Besser sei es natürlich, wenn es ein Maßnahmenbündel gebe, so Bitzer. In Deutschland sieht sie das Problem, dass zu große Rücksicht auf Industrieinteressen genommen würden "und dass wirtschaftliche Interessen immer noch Vorrang haben vor gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung."

Ein Thema am 05.11.2021 in "Guten Morgen" und der "Region" auf SR 3 Saarlandwelle

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