Rollstuhl (Foto: SR)

Initiative fordert Umdenken bei Unterbringung

Interview: Frank Hofmann   26.10.2021 | 08:35 Uhr

In Potsdam steht eine Frau vor Gericht, die vier Menschen mit Behinderung getötet haben soll, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, in der sie als Pflegerin gearbeitet hat. Die Tat hat im April in der ganzen Republik für Entsetzen gesorgt, aber es haben auch sofort Menschen gesagt: "Das ist nicht einfach ein Verbrechen, sondern wir müssen mal drüber reden, wie Menschen mit Behinderung in unserem Land leben, da liegt vieles im Argen". Und mit einem dieser Menschen hat SR 3-Moderator Frank Hofmann gesprochen, mit Alexander Ahrens von der "Initiative Selbstbestimmt leben e.V." in Berlin, einer Organisation von Menschen mit Behinderung.

Sie haben gesagt, diese Tat war auch das Ergebnis einer „Sonderwelt, die der Staat für Menschen mit Behinderung aufgebaut hat“, was meinen Sie damit?

Na alles ist exklusiv. Wir haben Förderschulen, wir haben Behindertenwerkstätten und wir haben auch diese Wohneinrichtungen. Da sind Menschen untergebracht, die gar nicht mehr am Leben draußen teilhaben.

Warum ist es Ihrer Meinung nach gefährlich für Menschen mit Behinderung dort zu leben?

In diesen Einrichtungen haben wir immer eine Hierarchie. Sie können dort nicht selbstbestimmt leben. Sie sind fremdbestimmt und das ist genau das Problem, wenn Menschen jahrelang aufeinandertreffen, die in bestimmten Abhängigkeitsverhältnissen stehen. Dann ist die Gefahr immer sehr groß, dass es eben zu Sachen wie Folter oder Tötung kommen kann.

Was müsste man tun, damit es dazu nicht kommt?

Zuerst mal fordern wir als Interessenvertretung behinderter Menschen die Abschaffung von solchen Einrichtungen. Aber im Übergang ist es total wichtig den Gewaltschutz so auszubauen, dass jeder Mensch, der dort leben muss die Möglichkeit hat, sobald er gemobbt wird oder Gewalt erfährt sich irgendwo hinzuwenden. Das ist alles noch sehr intransparent. Sie wissen überhaupt nicht an wen sie sich vor Ort wenden können. Warum hat ein Mensch Zeit vier andere Menschen, die hilflos im Bett liegen umzubringen, ohne dass es jemand mitbekommt? Das muss hinterfragt werden.

Wenn Sie die Abschaffung dieser Einrichtungen fordern, was soll an deren Stelle treten?

Wir müssen dahin kommen, dass jeder Mensch dort wo er wohnt alle Unterstützungsmöglichkeiten bekommt, dass er eben nicht in diesen Parallelwelten hineinmuss. Also, dass dieser Mensch vor Ort bei seiner Familie oder seinem Lebensumfeld diese Unterstützung bekommt und nicht, dass er irgendwohin abgeschoben wird, wo sein soziales Umfeld verschwindet.

Audio

"Sonderwelt für Menschen mit Behinderung"
"Sonderwelt für Menschen mit Behinderung"
Das Interview mit Alexander Ahrens von der "Initiative Selbstbestimmt leben e.V." in Berlin, einer Organisation von Menschen mit Behinderung.

Über dieses Thema wurde auch in "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle am 26.10.21 berichtet.

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