Trierer Dom (Foto: SR)

"Ob auch bei den Kirchenoberen ein Umdenken eingesetzt hat?"

Oliver Buchholz   26.08.2022 | 13:45 Uhr

513 Betroffene, 195 Täter:innen zwischen 1946 und 2021: Das ist die traurige Zwischenbilanz der Unabhängigen Aufarbeitungskommission in Sachen sexuellem Missbrauch im Bistum Trier. Ein entsprechender Bericht wurde gestern vorgestellt. Dazu ein Kommentar von Oliver Buchholz.

Ich weiß nicht, wie viele solcher Berichte ich schon gelesen habe - aus München, aus Münster, eigene Rechercheergebnisse des Bistums Trier, die große MHG-Studie für ganz Deutschland - und ich muss leider sagen: Mich schocken die Zahlen, die Vertuschung und das Ausmaß des Skandals kaum noch.

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Kommentar: "Ob auch bei den Kirchenoberen ein Umdenken eingesetzt hat?
Audio [SR 3, Oliver Buchholz, 26.08.2022, Länge: 02:13 Min.]
Kommentar: "Ob auch bei den Kirchenoberen ein Umdenken eingesetzt hat?

Was aber immer wieder unter die Haut geht, sind einzelne Fallberichte. Und auch dieses Mal bin ich erbost über das Handeln des Bistums.

Ignorieren

50er Jahre: Ein Priester soll Religionsunterricht erteilen, weil es an Lehrern mangelt. Der Mann bittet das Bistum dringend darum, ihn aufgrund seiner Neigungen in der allgemeinen Seelsorge zu belassen und ihn nicht auf Minderjährige loszulassen. Das Bistum juckt die Erkenntnis des Kaplans wenig, setzt ihn in Schulen ein. Er wird mehrfach straffällig, es kommt zum Haftbefehl.

Der Mann haut ab, taucht in Wien wieder auf, davon bekommt das Bistum Wind. Auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft antwortet die Trierer Behörde allerdings, man hätte keine Ahnung, wo sich der Priester befinde.

Verschweigen

Anderer Fall, rund zehn Jahre später: Ein Priester kommt aus dem Ausland ins Bistum Trier und bleibt dort auch nicht lange, weil er auffällig wurde. Im Austausch unter den involvierten Bistümern werden seine Veranlagung und seine Straffälligkeit verschwiegen. Lügen zugunsten des Täters und für das Image der Kirche. Den Opfern misstraut man lange Zeit.

Zweifel am Umdenken

Nun, mit der Arbeit der Unabhängigen Kommission, habe ich den Eindruck, der Groschen ist gefallen. Aber ob auch bei den Kirchenoberen ein Umdenken eingesetzt hat!?

Zwei jüngst bekannt gewordene Fälle von straffälligen Priestern, die in den Zweitausendern in die Klinikseelsorge versetzt und auch unter dem Noch-Missbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, dort zunächst belassen wurden, lässt auf anderes schließen.

Auch, dass es lange Zeit im Bistum des obersten bischöflichen Aufklärers keine eigene Studie gab, lässt tief blicken.

Achtung Lob!

Was die Unabhängigkeit von Aufklärung angeht, hat das Bistum Trier nun Neuland betreten: Das Bistum hat nicht, wie andere Bistümer, direkt eine Kanzlei mit Studien beauftragt und bezahlt, sondern eine Stiftung eingerichtet und finanziell ausgestattet. Die wird unabhängig verwaltet und finanziert zwei Studien, die die Uni Trier eigenständig durchführt. Warum nicht früher so!


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Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier hat ihren Zwischenbericht vorgestellt. Demnach wurden zwischen den Jahren 1946 und 2021 insgesamt 513 Betroffene und 195 Täterinnen und Täter erfasst.

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 26.08.2022 auf SR 3 Saarlandwelle

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