"Statt offensiv mit der Sache umzugehen verschanzt man sich im universitären Elfenbeinturm"

"Statt offensiv mit der Sache umzugehen, verschanzt man sich im universitären Elfenbeinturm"

Thomas Gerber   14.11.2019 | 16:00 Uhr

Mutmaßlicher sexueller Missbrauch in der Homburger Kinder- und Jugendpsychiatrie - so lautete die Horrormeldung aus dem Sommer. Und schon wieder sorgt die Uniklinik für bundesweite Negativschlagzeilen. In der Hals-Nasen-Ohren-Klinik soll sich im Sommer 2012 Unfassbares ereignet haben. Ein sechs Jahre altes Mädchen soll während eines operativen Eingriffs oder kurz davor vergewaltigt worden sein. Beide Fälle beschäftigen einen Untersuchungsausschuss des Landtags - Verdacht der Vertuschung. Dazu ein Kommentar von Thomas Gerber.

Missbrauchsskandal an Uni-Klinik
Schweigen und Vertuschen über Jahre?
Wurde an der Homburger Uni-Klinik über Jahre hinweg Kindesmissbrauch vertuscht? Ein Untersuchungsausschuss hat am Mittwoch seine Arbeit aufgenommen und soll dieser Frage nachgehen. Zugleich erhebt eine Opferanwältin Vertuschungsvorwürfe auch im jüngsten Verdachtsfall.

Eigentlich hatte das OP-Team in der HNO an jenem Freitag im Juli 2012 alles richtig gemacht. Als dem Arzt beim Einführen eines Schmerzzäpfchens die blutende Wunde im Genitalbereich seiner kleinen Patientin auffiel, gingen bei ihm die Alarmsirenen los. Das was er da sah, sah ganz offensichtlich nach sexuellem Missbrauch aus. Das Kinderschutzteam der Klinik, bestehend aus Kinderärzten und Gerichtsmedizinern wurde alarmiert. Die Verletzungen wurden untersucht und dokumentiert. Die Kleine - nennen wir sie Lena - wurde in Obhut genommen und in die Kinderklinik verlegt.

Unter Vorspiegelung einer Legende, nach der Mandel OP gebe es angeblich Nachblutungen, wurde Lenas Mutter zunächst im Unklaren gelassen. Das Team vom Kinderschutz führte eine kurze Sozialanamnese durch - zwei Tage später schien klar, Lenas familiäres Umfeld war in Ordnung. Dort hatte sich kein Übergriff ereignet. So weit so vorbildlich.

Dann aber entwickelte der Vorfall klinikintern eine ähnliche Dynamik wie der in der Kinderpsychiatrie. Da die Wunden blutend also frisch waren, mussten sie kurz vor oder gar während der OP entstanden sein. Wie ist bis heute unklar. Wobei es laut Befund vermutlich keine Penetration gegeben hat - weder in die Vagina noch in den Anus. Die medial vermittelte Vergewaltigung ist also eher unwahrscheinlich - zumal auch immer mehrere Personen anwesend waren. Dass ein komplettes OP-Team "gemeinsame Sache" macht, ist reine Verschwörungstheorie.

Am wahrscheinlichsten scheint ein Unfall, eine Fehlbehandlung - aber auch das darf nicht sein, würde dem Renommee der Klinik schaden. Der aus der Kinderpsychiatrie bekannte Mechanismus lief an. Es wurde vertuscht. Statt angesichts der unklaren Lage Externe insbesondere die Staatsanwaltschaft einzuschalten, blieb der Fall klinikintern. Lenas Mutter wurde gar abgeraten, sich an die Polizei zu wenden. Wieder das gleiche Argument wie in der Kinderpsychiatrie - das Patientenwohl, um Lena nicht unnötig zu belasten - keine Polizei.

Bevormundung der Erziehungsberechtigten gehört offenbar zum Krankheitsbild der Homburger Halbgötter in Weiß. Lenas Mama erstattete schließlich sieben Jahre später Strafanzeige. Wobei sie zunächst abgewimmelt wurde. Der Behördenleiter verwies sie an die Uniklinik.

Nach dem Skandal in der Kinderpsychiatrie ist das nicht nachvollziehbar. Die Staatsanwaltschaft hätte umgehend ermitteln müssen, auch wenn sich der Anfangsverdacht einer Vergewaltigung vermutlich nicht bestätigen wird. Sanfter Druck aus der Staatskanzlei war offenbar notwendig, um das Verfahren in die Gänge zu bringen. Skandalös.

Gleiches gilt für den Umgang der Uniklinik mit dem jetzt öffentlichen Verdacht. Vier Pressesprecher leistet sich die Klinik, vier Telefonnummern, unter denen eigentlich nie jemand zu erreichen ist. Anfragen werden zögerlich bis gar nicht beantwortet. Statt offensiv mit der Sache umzugehen - immerhin das OP-Team hatte vorbildlich agiert-, verschanzt man sich im universitären Elfenbeinturm. Statt etwa einen Behandlungsfehler zumindest nicht auszuschließen, hält man sich offenbar für unfehlbar. Allerhöchste Zeit, dass diesem Vertuschen ein Ende gemacht wird. Die Staatskanzlei ist am Zug!

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja