Kommentar: "Es kommt noch lange auf uns alle an"

"Es kommt noch lange auf uns alle an"

Kommentar zum Start der Corona-Impfungen

Thomas Gerber   28.12.2020 | 16:25 Uhr

Am 28. Dezember ist sie endlich losgegangen, die langersehnte Impfung gegen das Virus, das uns seit fast einem Jahr in Schach hält. Bei den ersten Pieksern in den Impfzentren war republikweit von "Licht am Ende des Tunnels" und Hoffnungsschimmern die Rede. Vielen geht das alles aber viel zu langsam und sie werfen den Impfstofforganisatoren um Gesundheitsminister Spahn Versagen vor. Dazu ein Kommentar von Thomas Gerber.

Termine bereits ausgebucht
Impfzentren im Saarland haben mit dem Impfen begonnen
In den drei saarländischen Impfzentren haben am 28. Dezember die Impfungen gegen das Coronavirus begonnen. Die Termine sind bereits ausgebucht. Wenn mehr Impfstoff zur Verfügung steht, sollen neue Termine vergeben werden.

Wir werden uns viel verzeihen müssen, prophezeite Jens Spahn schon vor Monaten. Und vielleicht gehört ja nach dem Masken-Hickhack und dem verspäteten zweiten Lockdown auch die Bestellung des Biontech-Pfizer Impfstoffs zu dem, was später auf der Verzeihensliste von Spahn - aber auch der EU - stehen wird.

Stimmen die Recherchen der Spiegelkollegen und wurden tatsächlich Millionen zusätzliche Dosen ausgeschlagen, dann war das sicherlich keine epidemiologische Glanzleistung. Und sollte man auf europäischer Ebene tatsächlich dem subkutanen Druck der französischen Sanofi-Pharmalobby nachgegeben haben, dann wäre das nahezu unverzeihlich. Denn eines haben uns gerade die letzten Tage gezeigt: Jede Woche, jeder Tag, fast schon jede Stunde zählt - gelangen doch mancherorts die Krematorien bereits an ihre Kapazitätsgrenzen.

Jedoch eines hat uns das Virus auch gelehrt: Da es nun mal global aktiv ist, können wir ihm auch nur global beikommen. Da ist es zwar aberwitzig, dass ausgerechnet die USA mit einem Corona-Leugner als Noch-Präsidenten an der Spitze und die Brexit-Briten von den ersten Biontech-Pfizer Ampullen profitieren, aber der gemeinsame europäisch-globale Ansatz bleibt weiter richtig.

Die Ressource Impfstoff ist naturgemäß knapp und nur eine weltweit gerechte Verteilung wird letztlich auch erfolgreich sein. Wie schnell das Virus von Wuhan in Heinsberg war, sollte uns eine Lehre sein.

Worauf es jetzt ankommt: Das knappe Gut muss gezielt und konsequent an die Verletzlichsten verteilt werden. Die aufgestellten Impfpläne mit ihren Priorisierungen scheinen mir nicht die dümmsten zu sein. Bis wir als Herde durchgeimpft sind, muss es aber schneller gehen als bisher angekündigt. Beim Aufbau neuer Produktionsstätten für den Impfstoff vermisse ich die Bazouka, die sonstwo seitens des Staates zum Einsatz gebracht wurde.

Aber auch wenn Berlin jetzt Gas geben sollte: Von heute auf morgen wird es nicht gehen. Es wird in jedem Fall Monate dauern, und das bedeutet weiterhin Kontaktreduzierung und Abstandhalten!

Das Virus ist raffiniert. Ob der Impfstoff gegen seine Mutanten wirkt und ob Geimpfte nicht mehr infektiös sind - beides ist noch offen. Trotz des fast schon erlösenden Pieks: Es kommt noch lange auf uns alle an.

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