Verkehrsteilnehmer (Foto: pixabay (CC0))

"Das Klima auf und neben den Straßen ist rauher geworden"

Stephan Deppen   19.09.2020 | 10:30 Uhr

Groß das Entsetzen dieser Tage in Merzig. Kaum war die neue Ampelkreuzung frei gegeben worden, kam ein Radfahrer durch einen abbiegenden LKW ums Leben. Das hat die Diskussion um die saarländische Verkehrspolitik auf bittere Weise neu belebt. Aber es gibt auch Auswüchse unter Radfahrern. SR 3-Reporter Stephan Deppen mit einem Kommentar zur saarländischen Verkehrsdiskussion.

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Kommentar von Stephan Deppen
Audio [SR 3, Stephan Deppen, 19.09.2020, Länge: 03:11 Min.]
Kommentar von Stephan Deppen

Kritik an Verkehrsführung
Radfahrer stirbt in Merzig nach Unfall mit Lkw
Nach dem tödlichen Unfall eines Radfahrers an der neu eingerichteten Ampelkreuzung am ehemaligen "Kaufland-Kreisel" in Merzig äußern ADFC Saar und die Grünen im Stadtrat Kritik. Die Verkehrsführung müsse für Radfahrer verbessert werden.

Schlimm, einfach nur schlimm, was da in Merzig passiert ist. Ein Radfahrer stirbt, weil ein Lkw ihn beim Abbiegen übersieht.

Hier soll jetzt nicht über individuelles Fehlverhalten und Schuld oder Teilschuld geredet werden, sondern über eine Verkehrspolitik und deren Umsetzung, die offenbar so gar nicht die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Eine Ampelschaltung, die gleichzeitig normaler Fahrspur sowie Rad- beziehungsweise Gehwegen grün gewährt, gibt es ja nicht nur in Merzig. Das ist Standard und Quell vielfältiger Missverständisse, Gefahrensituationen und Unfällen - mitunter tödlichen, wie jetzt geschehen.

Eine andere Ampelschaltung, die den motorisierten Verkehr in jede Fahrtrichtung zum Warten verdammt, wenn Geh-und Radwege Grün geschaltet sind, würde natürlich zu längeren Wartezeiten für die Kraftfahrzeuge führen. Das soll im Sinne des Verkehrsflusses aber vermieden werden. Zeitverlust kontra unnötige Gefährdung: Darum geht es, und das Ergebnis dieser Abwägung lässt sich an jeder Kreuzung ablesen.

Es geht also darum, die verschiedenen Verkehrsmittel gleichberechtigt zu betrachten, daraus verkehrspolitische Konsequenzen zu ziehen und den jeweils Schwächeren dabei vor dem Stärkeren besonders zu schützen. Die Ampelregelung an Kreuzungen gehört ebenso dazu wie Zustand und Verlauf von Radwegen, die Einrichtung von  Fahrradstraßen, und so weiter.

Es ist ja alles schon hundertmal untersucht, gesagt und versprochen worden: Der Radverkehr als ernstzunehmende Alternative zum Auto im innerstädtischen Alltag - diese Forderung wird dieser Tage auch bei der Aktion Stadtradeln wieder erhoben. Wie jedes Jahr - und noch immer enden Fahrradwege urplötzlich vor einer Baustelle, auf der Auto-Fahrbahn oder in einer Bushaltestelle.

Dennoch steigen mehr Menschen als noch vor einigen Jahren aufs Fahrrad - den Pedelecs sei Dank. Fahrradhändler kommen mit dem Ausliefern in diesem Jahr kaum nach. Immer mehr nehmen die Mühen und Gefährdungen des Verkehrs-Alltags auf sich - und sorgen damit auch am anderen Ende der Fortbewegungskette für Verdruss.

Ein Kollege unserer regionalen Tageszeitung hatte dieser Tage aus ganz subjektiver Fußgängerperspektive eine bitterböse und doch treffende Abrechnung mit wildgewordenen Pedelec-Treibern in Feld und Flur veröffentlicht. Der Pedalist als der Stärkere, der den Schwächeren auf zwei Beinen drangsaliert und gefährdet. Täter und Opfer: Fahrradfahrer sind beides.

Das Klima auf und neben den Straßen ist rauher geworden, die Zündschnur ist auf allen Seiten kurz. Dazu hat auch beigetragen, dass Verkehrsverstöße im Saarland nur verhalten geahndet werden. Solche von Fußgängern und Radfahrern zumeist gar nicht. Das ist in anderen Städten anders.

Darüber hinaus könnte es hilfreich sein, wenn jeder Verkehrsteilnehmer mal in die Rolle des anderen schlüpfte: vom Auto aufs Rad, vom Rad zum Fußgänger und auch umgekehrt. Dann könnte Manchem ein Licht aufgehen und vielleicht Verständnis für das eine oder andere Verhalten auslösen.

Rücksicht, Verständnis, Bedürfnisse ernst nehmen: Das sind keine überholten Sentimentalitäten, sondern Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander im Straßenverkehr. Und für die nicht motorisierten ohne Knautschzone fast so etwas wie eine Lebensversicherung. Gute Fahrt!

Stephan Deppen

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