Spielzeug liegen in neiner Kita auf dem Boden. (Foto: picture alliance/dpa | Monika Skolimowska)

"Es sind diejenigen gefordert, die schon jetzt bis zum Anschlag arbeiten"

Patrick Wiermer   02.11.2021 | 12:00 Uhr

Am 2. Novermber starten die Lolli-Tests in den Kindertageseinrichtungen. Zumindest sollten sie das. Denn viele Einrichtungen sind nicht vorbereitet. Es ist eine Bauchlandung mit Ansage, für das am Ende wieder Erzieher, Eltern und die Kinder bezahlen müssen. Ein Kommentar von Patrick Wiermer.

Lollis sind ja eigentlich was Schönes. Bunt, lecker und im richtigen Moment sorgen sie für Ruhe. Die Lolli-Tests sorgen hingegen vor allem für Unruhe, für Frust. Denn statt Lolli gibt es vielerorts erstmal nur Stäbchen.

Kommentar: "Es sind diejenigen gefordert, die schon jetzt bis zum Anschlag arbeiten"
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 02.11.2021, Länge: 03:05 Min.]
Kommentar: "Es sind diejenigen gefordert, die schon jetzt bis zum Anschlag arbeiten"
Ein Kommentar von Patrick Wiermer.

Viele Eltern werden nun selbst zusehen müssen, dass sie zwischen dem Kampf ums Anziehen, einem gehetzten Frühstück und dem Stau im Berufsverkehr noch einen Nasalabstrich bei den Kleinsten durchführen. Wenn sie es denn überhaupt schaffen. Man kann erahnen, wie zuverlässig die Selbsttests zuhause sein werden.

Aber die Eltern dürfen ja wählen: Bald gibt es Lolli-Tests in der Kita. Dann müssen vor allem die Erzieher ran. Lolli-Test zwischen Wickeln, Frühstück, Kinder von und zur Tür bringen. In manchen Einrichtungen wird da auch eine Küchenkraft zur Laborassistentin.

Den Preis bezahlen am Ende die Kleinsten

Es sind dann also diejenigen gefordert, die schon jetzt bis zum Anschlag und darüber hinaus arbeiten, um den Betrieb irgendwie aufrechtzuerhalten. Kinder verwahren statt Kinder bilden und zu fördern. Schon längst die Realität. Den Preis bezahlen am Ende die Kleinsten.

Der Markt ist leergefegt

Eigentlich sollten die Kitas unterstützt werden – durch externe Kräfte. So stellte sich das zumindest das Sozialministerium vor. Kümmern sollten sich aber die anderen, nämlich die Träger. Es wurde eine Bauchlandung mit Ansage: Denn, wenig überraschend, dem Ruf aus den Kitas folgte kaum jemand. Der Markt ist leergefegt, fast alle Branchen suchen händeringend Personal.

Das Bildungsprogramm - ein Mammutprogramm

Vor ziemlich genau zwei Jahren hielt ich ein dickes Heft in den Händen. Das Bildungsprogramm für die saarländischen Kindertageseinrichtungen. Satte 200 Seiten, Ziele, Wünsche, Forderungen des Bildungsministeriums für die Kitas. Es geht um Erziehung zur demokratischen Teilhabe, um religiöse und sexuelle Erziehung, um inklusive Förderung. Ein Mammutprogramm, um das sich am Ende vor allem Träger und Erzieher kümmern sollen. Das Ministerium nimmt sich dabei selbst kaum in die Pflicht.

Es fehlt an Personal

Das dicke Heft zeigt auch das Dilemma der frühkindlichen Bildung: Kitas sollen, sie müssen, mehr leisten als die Kindergärten des letzten Jahrhunderts. Vor allem müssen sie länger betreuen. Doch es fehlt an Personal, nicht zuletzt, so hört man, fehlt es an guten Arbeitsbedingungen. Der Personalschlüssel ist veraltet, die Ausbildung für viele unattraktiv. Einige zieht es lieber nach Rheinland-Pfalz, wo das Gras vermeintlich grüner ist. Andere brennen aus.

Ich habe vor Kurzem mit einer Erzieherin gesprochen, die an manchen Tagen nachmittags alleine mit 40 Kindern ist. Darunter auch Wickelkinder. Man kann sich ausmalen, wie lange sie das noch mitmacht.

Die Verantwortung wird hin und her geschoben

Doch wo ist der Aufschrei? Er verhallt, weil man sich die Ohren zuhält, sich niemand verantwortlich fühlt. Denn das Bildungsministerium ist zwar inhaltlich für die Bildung der Kleinsten zuständig, die Umsetzung liegt allerdings vor allem beim Landesjugendamt im Sozialministerium. Zwei Ministerien, eines rot, das andere schwarz geführt, schieben sich seit Jahren die Verantwortung zu. Vor allem, wenn es kritisch wird, wird sich weggeduckt und auf den anderen gezeigt. Während das Sozialministerium fast ausschließlich verwaltet denn gestaltet, hat das Bildungsministerium, so der Eindruck, mittlerweile resigniert, versteht unter guten Kitas vor allem günstige Kitas.

Fazit

Die Konsequenz muss lauten: Frühkindliche Bildung muss an einer Stelle gebündelt werden. Damit die Allerkleinsten am Ende nicht schon wieder auch die Allerletzten sind. Nicht alles lässt sich mit einem Beruhigungslolli lösen.

Ein Kommentar von Patrick Wiermer


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Ein Thema in der "Region am Mittag" am 02.11.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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