Kommentar: "Den Staub vom Gymnasium pusten"

"Den Staub vom Gymnasium pusten"

Ein Kommentar von Christine Alt   04.09.2020 | 12:25 Uhr

Nachdem der saarländische Philologenverband sich für G9 an Gymnasien ausgesprochen hatte, hat der Saarländische Lehrer- und Lehrerinnenverband reagiert: Die Diskussion um G9 an Gymnasien sei nicht zielführend, wichtig sei es stattdessen, die Gleichwertigkeit der verschiedenen Schulformen zu stärken. Die Debatte ist damit wieder angefacht. Es kommentiert SR-Rporterin Christine Alt.

Den Staub vom Gymnasium pusten: Verkürzt gesagt, ist das das Ziel der neuen Pläne der Gymnasiallehrer. Und: Das enge Korsett des G8 loswerden. Denn das drückt und kneift ganz schön, wenn man auf Schüler individuell und auch noch digital eingehen soll.

G8-Zeitplan geht nicht auf

Dass das mit dem engen G8-Zeitplan oft nicht geht, hat die Corona-Krise vielen Eltern und eben auch Gymnasiallehrkräften unsanft vor Augen geführt. Die saarländischen Gymnasien, die trotzdem seit ein paar Jahren modernere pädagogische Konzepte einbauen, haben es im G8-Korsett oft alles andere als leicht.

Zu wenig Spielraum gibt es dort für kooperatives Lernen, fächerübergreifendes Querdenken und vertiefendes Anwenden von Wissen.

Ein Jahr mehr: Damit will der Philologenverband seinen Mitgliedern, den Lehrerinnen und Lehrern an den Gymnasien, Luft verschaffen – für bessere, modernere Inhalte.

Gemeinschaftsschulen machen es vor

Luft, die die Gemeinschaftsschulen im Land seit Jahren nutzen. Sie bieten ja G9 - neun Jahre bis zum Abitur - und nutzen das auch. Pädagogisch haben einige gute Konzepte entwickelt - fördern Kinder individuell und haben sich attraktive Profile zugelegt. Auch weil sie das müssen.

Denn ihre Schulform soll für alle Kinder da sein - das heißt auch, sie müssen alles rausreißen: Inklusion, Integration und gleichzeitig Studierfähigkeit herstellen, weil sie bis zum Abi führen.

Dass einige Gemeinschaftsschulen diese Mammutaufgabe erfolgreich stemmen, haben sie in den letzten Jahren gezeigt. Das registrieren auch immer mehr Eltern. Die Anmeldezahlen an Gemeinschaftsschulen steigen – rechnet man die demographische Entwicklung mal raus. Auch weil sie sich teilweise zu Eliteschulen des Sports gemausert haben, die auch noch ökologische Waldklassen oder Musik- und Theaterzweige anbieten.

Zusammengefasst: Die neue Schulform Gemeinschaftsschule hat die gut neun Jahre seit ihrer Geburt genutzt und emanzipiert sich langsam aber sicher als gleichwertig zum Gymnasium.

Gymnasien unter Zugzwang

Das setzt unter Zugzwang. Die saarländischen Gymnasiallehrkräfte wollen offenbar nicht länger zuschauen, wie sich um sie herum viel verändert und ihnen die Felle davonschwimmen. Das gilt auch für die G9-Rückkehrwelle in anderen Bundesländern.

Sogar das konservative Bayern hat jüngst die Weichen gestellt für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Bisher hat eine Gruppe saarländischer Eltern zwar auch an der Saar dafür gekämpft aber die Landesregierung, also CDU und SPD, wollten davon im Grunde nichts wissen.

Parteien müssen sich positionieren

Interessant ist jetzt, wie die beiden Parteien auf den neuen Druck durch den Philologenverband reagieren. Im Prinzip geht es um die Frage: Wollen sie der Gemeinschaftsschule das Pfund G9 weiter lassen oder setzen sie die öffentliche Stimmung „Pro G9 auch am Gymnasien“ um. Es riecht nach einem Thema für den nächsten Landtagswahlkampf.

Mehr zum Thema

Ein Thema in der Sendung "Region am Mittag" vom 04.09.2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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