Kind mit Tablet (Foto: dpa)

"Bewegung ist extrem wichtig"

Interview: Michael Zemlin, Chefarzt Kinderklinik am Uniklinikum Homburg

Interview: Simin Sageghi   07.06.2022 | 12:15 Uhr

Nun liegt schwarz auf weiß vor, was schon länger vermutet wurde: Viele Kinder sind infolge der Coronapandemie dicker geworden. Das kann auch Michael Zemlin von der Kinderklinik am Uniklinikum Homburg bestätigen. Viele Kinder hätten ihre Essgewohnheiten geändert. Und nicht nur das. Es habe den Kindern oftmals auch an Bewegung gefehlt. Zemlin ist aber überzeugt, dass sich mit der Normalisierung der Verhältnisse sich auch das Verhalten der meisten Kinder wieder normalisiere.

Fast jedes sechste Kind ist seit Beginn der Pandemie dicker geworden. Das hat eine aktuelle Forsa-Umfrage für die Deutsche Adipositasgesellschaft ergeben. Demnach essen viele Kinder mehr Süßigkeiten als in Vorpandemiezeiten und bewegen sich zugleich deutlich weniger.

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Kinderarzt Zemlin: "Viele Kinder haben ihre Essgewohnheiten geändert"
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi, 07.06.2022, Länge: 04:14 Min.]
Kinderarzt Zemlin: "Viele Kinder haben ihre Essgewohnheiten geändert"

Ein Ergebnis, dass auch Michael Zemlin, Chefarzt der Kinderklinik am Uniklinikum Homburg, in seiner täglichen Arbeit beobachten kann. Es seien vermehrt Kinder mit veränderten Essgewohnheiten in Behandlung gekommen, die auch deutlich zugenommen hätten. Er vermutet, "dass das auch ein Ausdruck von psychischem Stress ist, der durch die Pandemie entstanden ist."

Bewegung - wichtig für körperliche aber auch geistige Entwicklung

Hinzu komme oftmals mangelnde Bewegung während der Pandemie. Bewegung sei für Kinder enorm wichtig. Mit ihr werde die Fein- und Grobmotorik geübt. Ein Rückgang der motorischen Fähigkeiten von Kindern seit allerdings schon fast 50 Jahren zu beobachten, sagt Zemlin. "Wir können beispielsweise sehen, dass Kinder schlechter rückwärts laufen oder auf einem Bein hüpfen können als früher."

Aber Bewegung sei für Kinder nicht nur ein körperlicher Faktor. Bewegung sei auch ein ganz wichtiger Faktor der sozialen Interaktion. "Zusammen auf dem Spielplatz zu sein oder auch beim Sportverein - das ist für die soziale Integration und die Entwicklung der Persönlichkeit sehr wichtig, nicht zuletzt auch für das Selbstbewusstsein", so der Kinderarzt.

Rückkehr zu den alten Hobbys

Zemlin ist überzeugt, dass sich mit der Normalisierung der Verhältnisse sich auch vieles im Verhalten der Kinder wieder normalisieren wird. Es sei jedoch zu beobachten, dass frühere Hobbys der Kinder wie beispielsweise Schwimmen gehen oder im Verein mitzumachen für viele nicht mehr so wichtig sei wie vor der Pandemie. An ihre Stelle seien oftmals die Medien getreten. Eltern könnten ihre Kinder unterstützen bei der Rückkehr zu den alten Hobbys und sie dazu ermutigen. Dabei sollte aber der Spaß daran im Vordergrund stehen und nicht die Leistung.


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Ein Thema in der "Region am Mittag" am 07.06.2022 auf SR 3 Saarlandwelle

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