Eine ältere Person hält ein Telefon in der Hand (Foto: picture alliance/dpa | Roland Weihrauch)

"Was den meisten Älteren, die allein leben, fehlt: Einfach mal reden"

Interview: Nadine Thielen   01.10.2021 | 06:00 Uhr

Immer mehr Menschen leben im Alter allein. Viele fühlen sich auch einsam. Ihnen fehlt jemand zum Reden, nicht erst seit Corona. Dagegen möchte der Verein Silbernetz etwas tun und bietet das sogenannte "Silbertelefon" an. Elke Schilling, Gründerin des Vereins erklärt, was es damit auf sich hat.

Alleine im Alter, das betrifft immer mehr Menschen: Im vergangenen Jahr wohnte jeder Dritte ab 65 Jahren alleine in einem Haushalt. Das sind 800.000 Menschen mehr als noch vor 20 Jahren. In den meisten Fällen, weil der Ehepartner gestorben ist, mit dem man gerne noch ein paar Jahre gehabt hätte. Viele wohnen nicht nur allein, sondern fühlen sich auch allein.

Hier soll das Silbertelefon Abhilfe schaffen. Dort können Senioren anrufen und nicht nur über Krisen und Probleme sprechen. Die Initiative kommt vom Verein Silbernetz. Gründerin des Vereins ist Elke Schilling.

Frage: Frau Schilling, melden sich viele ältere Menschen bei Ihnen am Silbertelefon, die sich einsam fühlen?

Ja, das ist ja im Prinzip unser Slogan: "EInfach mal reden." Weil es das ist, was den meisten Älteren, die allein leben fehlt: Jemand zum einfach mal reden. Und dafür sind wir da. Sozusagen von 8 bis 22 Uhr jeden Tag. Und es sind viele, die sich bei uns melden.

Dabei sind die Gespräche so unterschiedlich wie die Menschen, die uns anrufen. Die einen sagen: "Ich hab' da was. Ich muss da jetzt einfach mal mit jemandem drüber reden. Haben Sie mal zehn Minuten Zeit, zuzuhören?' Oder es ist eine ältere Dame, die jeden Tag ihr Frühstück alleine zu sich nimmt und die morgens nur ein paar gute Worte braucht, um den Tag anzufangen. Und es gibt solche, die sagen: "Ich habe die letzte Woche jetzt mit keiner Menschenseele geredet. Es ist schön, dass Sie da sind." Es ist völlig unterschiedlich und wir sind für alle ab 60 Jahren da.

Frage: Alleine zu leben muss ja nicht unbedingt heißen, dass die Menschen einsam sind, oder wie sehen Sie das?

Zwischen allein sein und einsam gibt es einen riesigen Unterschied. Einsam sein heißt, unfreiwillig allein sein. Also: nicht darüber bestimmen zu können, ob ich jetzt Gesellschaft habe oder nicht. Und dieses unfreiwillig allein sein, das ist Einsamkeit, das ist dieses Gefühl: Ich habe einfach zu wenig Kontakte, es ist niemand da, mit dem ich reden kann, ich bin ausgeschlossen - oder wie eine 87-jährige Dame am Telefon zu uns sagte: "Ich hab das Gefühl, die haben uns völlig vergessen." Das war mitten in der Corona-Krise.

Frage: Ganz viele - nicht nur die Älteren - haben sich vor allem im Corona-Lockdown einsamer gefühlt. Wie hat das die Senioren getroffen? Was sind Ihre Erfahrungen?

Also wir sind da ja jetzt seit drei Jahren am Draht. Das heißt: Als wir vorheriges Jahr für ganz Deutschland freigeschaltet wurden, hatten wir schon eineinhalb Jahre Erfahrung mit Berliner Anrufern. Aber das waren Menschen, die schon ein Stück weit an das Alleinsein, an die Einsamkeit gewöhnt waren.

Mit Corona setzte dann mit dem Lockdown die Isolation ein. Von Menschen, die vorher gut unterwegs und vernetzt waren, die sich mit Kindern, Freunden, Bekannten, Theater und Sonstwas beschäftigen konnten und denen das plötzlich abgeschnitten war. Da hatten wir durchaus ältere Menschen am Telefon, die niemals auf die Idee gekommen wären, bei uns anzurufen, denen aber jetzt die Decke auf den Kopf fiel und die das auch sehr deutlich sagten.

Frage: Wie kann man älteren Menschen aus der Einsamkeit am besten helfen?

Also erstmal unsere Rufnummer geben - ganz klar! Damit sie überhaupt die Möglichkeiten haben anzurufen. Was Sie noch machen können, ist Nachbarn zu ermutigen, die Augen offen halten. Und wenn Sie dem älteren Nachbarn oder der älteren Nachbarin im Treppenhaus begegnen, lieb Guten Tag sagen und fragen, ob Sie was für sie tun können. Oder ihnen einen Rufnummer reingeben, damit sie wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie was brauchen.

Weil es ist für alte Menschen schwierig, diesen Balanceakt zwischen Hilfebedürftigkeit und Autonomie zu bestehen. Fast alle alten Menschen wollen zuhause alt werden, wollen zuhause selbständig leben. Es ist so ein Stück weit Stolz: "Ich kann mein Leben selbst bestreiten". Aber am Rande dieses Selbst-Bestreitens ist dann halt die Angst vor Einsamkeit möglicherweise. Und da ist so eine Rufnummer vom Nachbarn durchaus hilfreich. Und es ist auch dieses Gefühl, nicht alleine gelassen zu sein, jemanden zu wissen, an den man sich wenden kann. Denn das hören wir sehr oft am Telefon: "Nee, das mit meinen Nachbarn, das funktioniert nicht. Die sagen zwar Guten Tag, aber wirklich ansprechbar sind sie nicht." Mit einer Rufnummer weiß ich als alter Mensch, dort kann ich anrufen, wenn ich etwas brauche.

Frage: Haben Sie einen Tipp, wie man selber aus der Einsamkeit rauskommen kann?

Ja, sich selbst ermutigen, den eigenen Bedarf nach Kontakt zu äußern. Denn das ist so ein schlimmes Phänomen bei Einsamkeit: Je länger ich einsam bin, umso mehr Angst habe ich vor Zurückweisung. Das heißt, das ist ein Sprung über den Schatten, zu sagen: Hey, ich brauche Ihre Hilfe - oder: Bitte könnten Sie was für mich tun. Und das Spannende im letzten Jahr während des Lockdowns war auch: Es gab viel mehr Hilfsbereite als Menschen, die sich trauten, Hilfe anzufragen.


Das Silbertelefon

Hier kann man von 08.00 bis 22.00 Uhr jeden Tag die Woche anrufen

Das Silbertelefon
0800 4 70 80 90

Weitere Informationen unter
www.silbernetz.org

Das komplette Interview zum Nachhören

"Was den meisten Älteren, die allein leben, fehlt: Einfach mal reden"
Audio [SR 3, Interview: Nadine Thielen / Elke Schilling, 01.10.2021, Länge: 08:04 Min.]
"Was den meisten Älteren, die allein leben, fehlt: Einfach mal reden"

Ein Thema in der Sendung "Guten Morgen" vom 01.10.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja