Prof. Thorsten Lehr  (Foto: IMAGO / teutopress)

"Das Problem ist, dass viele ihre Kontakte gar nicht mehr mitteilen"

Interview: Renate Wanninger   10.09.2021 | 16:15 Uhr

Die Zahl der Coronainfektionen steigt, es gibt mehr Menschen in den Krankenhäusern, Gesundheitsämter haben Probleme mit der Kontaktnachverfolgung. Womit müssen wir im Herbst rechnen? Dazu im SR 3-Interview: Prof. Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes.

Dr. Lehr: "Ich befürchte ab Ende September einen deutlich steileren Anstieg der Infektionen"
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger, 10.09.2021, Länge: 04:55 Min.]
Dr. Lehr: "Ich befürchte ab Ende September einen deutlich steileren Anstieg der Infektionen"

Die 7-Tage-Inzidenz liegt im Saarland teilweise wieder über 100, steigen dafür nicht mehr so schnell an wie in den vergangenen Wochen. Die Schulen sind im Präsenzunterricht, die Gastronomie ist geöffnet und es gibt Veranstaltungen. Müssen wir im Herbst mit Einschränkungen rechnen?

"Jetzt die Zeit, sich zu impfen, nicht sich auszuruhen"

Von dem etwas langsameren Anstieg der Inzidenzen und der langsamen Rückkehr zur Normalität sollte man sich nicht trügen lassen, mahnt Prof. Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes. In der kommenden Herbstsaison erwarte er, dass - wie im vergangenen Jahr - die Zahlen explodieren könnten. "Die Tage werden kürzer, man geht wieder mehr in Räume, die Aerosole haben Zeit sich zu verbreiten." Deshalb sei jetzt die Zeit, sich impfen zu lassen, so Lehr.

Probleme mit der Kontaktnachverfolgung

Hinzu kommt: Die Gesundheitsämter haben Probleme mit der Kontaktnachverfolgung. Ein bereits bekanntes Problem sei nach wie vor, dass es ab einer Inzidenz von über 50 immer schwerer werde, die Kontakte nachzuverfolgen, sagt Lehr. Was man zudem vermehrt beobachten könne, sei, dass immer mehr Menschen ihre Kontakte nicht mehr mitteilten: "Die Leute sind müde, wollen niemanden mehr in Quarantäne schicken."

Mehr Krankenhauspatienten im Herbst?

Momentan steigen auch die Belegungen mit Coronapatienten in den Krankenhäusern. Darunter seien auch immer mehr jüngere, meist ungeimpfte Menschen, so Lehr. Er erwartet in den kommenden Wochen einen weiteren Anstieg der Hospitalisierungsrate bei Covidpatienten. Problematisch sei dabei, dass andere Patienten in den Krankenhäusern dann wieder zurückstecken müssten. Möglicherweise müssten dann auch wieder Operationen verschoben werden.

Was sagt uns der R-Wert?

Der R-Wert ist derzeit rückläufig. Diese Entwicklung sei mit Vorsicht zu bewerten, so der Mediziner. "Wir dürfen nicht vergessen: Dieser Rücklauf ist darauf zurückzuführen, dass wir durch die Reiserückkehrer sehr geballt sehr viele Infektionen auf einmal erfasst haben, die jetzt einfach wieder rückläufig sind, weil die Urlaubssaison an vielen Orten zurückgegangen ist."

Maßnahmen im Herbst?

Mit einem erneuten Lockdown rechnet Lehr im Herbst nicht. "Ich glaube, einen Lockdown wird sich niemand mehr antun." Bei weiter ansteigenden Infektionszahlen brauche es jedoch weitere Maßnahmen. Eine Option sei zum Beispiel die 2G-Regel.

Ein Thema in der Sendung "Region am Mittag" vom 10.09.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

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