Lehr Thorsten (Foto: SR)

"Exponentielles Wachstum ist für uns sehr schwer vorstellbar"

Interview Thorsten Lehr, Leiter des "Cosim"-Programms

Interview: Renate Wanninger   03.11.2020 | 12:15 Uhr

Um die aktuelle Corona-Welle zu brechen, wurden von der Politik weitgehende Kontaktbeschränkungen verhängt. Kritiker sagen, dass die Maßnahmen zu spät kommen. Haben sie recht? Dazu im SR-Interview: Prof. Thorsten Lehr, Leiter des Programms "Cosim".

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Thorsten Lehr: "Bei exponentiellem Wachstum ist ein frühes Eingreifen das Beste"
Audio [SR 3, Interview: Renate Wanninger, 03.11.2020, Länge: 08:20 Min.]
Thorsten Lehr: "Bei exponentiellem Wachstum ist ein frühes Eingreifen das Beste"

Mit dem Programm "Cosim" werden an der Saar-Uni Prognosen zu der Entwicklung der Corona-Fallzahlen erstellt. Leiter des Programms ist Prof. Thorsten Lehr. Er sagt: "Was wir heute sehen ist das Ergebnis einer klassischen, exponentiellen Wachstumsfunktion." Sich exponentielles Wachstum wirklich vorzustellen, sei für den Mensch aber sehr schwer.

Was ist exponentielles Wachstum?

Ein klassisches Beispiel aus dem Mathematiklehrbuch: die Reiskornverdopplung auf einem Schachbrett. Auf das erste Feld kommt ein Reiskorn, auf das zweite zwei Reiskörner, auf das dritte vier Reiskörner, auf das vierte acht Reiskörner und so weiter. Wenn man alle 64 Schachbrettfelder auf diese Weise auffüllt, hat man am Ende 18 Trillionen Reiskörner. Das entspricht in etwa sieben Milliarden Tonnen Reis.

Das Beispiel zeige sehr deutlich, dass man sich exponentielles Wachstum nur sehr schwer vorstellen könne, sagt Lehr. "Es fängt sehr langsam an und steigt dann stark an, und wenn es stark ansteigt, ist es oft zu spät, um noch intervenieren zu können."

"Die Zahlen waren nicht eindrucksvoll genug"

Ein möglichst frühes Eingreifen bei einem exponentiellen Wachstum sei deshalb das Beste, sagt er. Man hätte auch bei den Corona-Infektionen den starken Anstieg vorhersehen können, aber es bedürfe ja auch der Zustimmung der Bürger für die dann notwendigen massiven Beschränkungen. "Ich befürchte, dass einfach die Zahlen nicht eindrucksvoll genug waren, um wirklich ein härteres Durchgreifen anzugehen."

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 03.11.2020 auf SR 3 Saarlandwelle

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