Der Virologe Alexander S. Kekulé  (Foto: picture alliance/Revierfoto/Revierfoto/dpa)

"Ein deutscher 'Freedom Day' wäre das völlig falsche Signal"

Interview: Frank Hofmann   22.10.2021 | 09:00 Uhr

Auf der Ministerpräsidentenkonferenz am 22. und 23. Oktober wird auch Corona und eine mögliche Aufhebung der "epidemischen Lage nationaler Tragweite" Thema sein. Im SR-Interview gibt der Virologe Alexander Kekulé eine Einschätzung der aktuellen Lage, erläutert, warum er gegen ein Ende aller Corona-Maßnahmen ist und was er für den richtigen Weg in diesem Winter hält.

SR: Herr Doktor Kekulé, wo stehen wir jetzt? Einerseits war vor einem Jahr niemand geimpft, heute sind es 55 Millionen Menschen in Deutschland. Andererseits war die Inzidenz im Oktober 2020 deutlich niedriger als jetzt und die Hospitalisierungsrate nur halb so hoch. Können wir vor diesem Hintergrund in Deutschland wieder alles auf normal und Entspannung stellen?

Alexander Kekulé: Also, die kurze Antwort ist: Nein. Das können wir natürlich auf gar keinen Fall. Es ist so, dass wir uns durch die Impfungen sehr viel Freiheiten erkauft haben. Wir können uns mehr leisten als vorher, insbesondere eine höhere Inzidenz. Früher war mal die Grenze 50, jetzt können wir ohne weiteres mit 100 bis 200 leben. Aber wir können die Zügel nicht vollkommen locker lassen.

SR: Großes Thema bei der aktuellen Ministerpräsidentenkonferenz wird wohl auch die "epidemische Lage nationaler Tragweite" sein. Sie läuft am 25. November aus, und viele plädieren dafür, es auch dabei zu belassen. Es wäre das Ende aller Corona-Maßnahmen - sozusagen der deutsche "Freedom Day". Ist das der richtige Zeitpunkt?

Alexander Kekulé: Es wäre das völlig falsche Signal. Im Herbst gehen die Infektionszahlen hoch, und wir können jetzt nicht das Signal geben, dass wir keine Masken, keinen Abstand und so weiter brauchen.

Der Rat an die Politik ist letztlich, dass wir den wirklich sehr guten Weg, den wir bis jetzt verfolgt haben - 3G plus Nachverfolgung - konsequent weitergehen.

Das heißt zum einen, dass die die Gratis-Tests nicht abgeschafft werden durften und nicht abgeschafft werden dürfen. Wir brauchen die Tests, um festzustellen, wenn es Ausbrüche gibt. Sonst gibt es eine Welle der Geimpften, die wir nicht beobachten können.

Und der ganz große Fehler ist, dass wir die Nachverfolgung in vielen Bereichen mehr oder minder aufgegeben haben. Wir können in den Schulen die Nachverfolgung nicht beenden. Das heißt, wir müssen bei den Schülern wirklich feststellen, ob es Ausbrüche gibt. Es ist ja jetzt zum Teil so, dass nur noch das infizierte Kind nach Hause geschickt wird und nicht mehr die Kontakte.

Und es ist auch so, dass wir Großveranstaltungen haben - zum Beispiel in Clubs. Wir hatten jetzt gerade einen Ausbruch im Berghain in Berlin. Wenn sie da Tausende von Menschen haben, dann ist eine Nachverfolgung de facto nicht mehr möglich. So etwas müssen wir verhindern. Und wenn wir konsequent weitermachen mit der Linie, die wir haben, für die wir wirklich auch beneidet werden im Ausland  - 3G plus Nachverfolgung - dann kommen wir wirklich gut durch den Herbst. Da dürfen wir jetzt keinen Fehler machen.

SR: Es ist ja verständlich, dass die Menschen sich danach sehnen, dass die Corona-Maßnahmen gelockert beziehungsweise ganz abgeschafft werden. Sie als Virologe, müssen Sie nicht auch manchmal mit dem Kopfschütteln, wenn einige Politiker dann auf diesen Zug aufspringen? Sie warnen und warnen und werden vielleicht gar nicht gehört. Wie ist das für Sie?

Alexander Kekulé: Ich bin ja nicht jemand, der Zero-Covid vertreten hat. Ich finde, man muss einen vernünftigen Mittelweg gehen und den haben wir in Deutschland im Grunde genommen vorgezeichnet.

Wir sind ja nicht den englischen Weg gegangen. Man sieht es ja beim "Freedom Day" in England, um das mal als Mahnmal zu erklären: Da hat Boris Johnson aufgemacht. Und jetzt rechnen sie mit 100.000 Fällen am Tag. Und wenn es in England so weitergeht, kann man damit rechnen, dass sie bis zu 20.000 Tote in der Winterwelle zusätzlich haben werden. Das wollen wir hier in Deutschland nicht, das sollten wir hier nicht machen. Ich glaube, wir haben einen vernünftigen Weg und den sollte die Politik jetzt beschreiten.

Das Interview führte Frank Hofmann

Das Interview zum Nachhören

Virologe Kekulé: " Ein deutscher Freedom Day wäre das völlig falsche Signal"
Audio [SR 3, Interview: Frank Hofmann, 22.10.2021, Länge: 03:21 Min.]
Virologe Kekulé: " Ein deutscher Freedom Day wäre das völlig falsche Signal"
Auf der Ministerpräsidentenkonferenz am 22. und 23. Oktober wird auch Corona und eine mögliche Aufhebung der „epidemischen Lage nationaler Tragweite“ Thema sein. Im SR-Interview gibt der Virologe Alexander Kekulé eine Einschätzung der aktuellen Lage, erläutert, warum er gegen ein Ende aller Corona-Maßnahmen ist und was er für den richtigen Weg in diesem Winter hält.

Ein Thema in "Guten Morgen" am 22.10.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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