In einem Zimmer einer Intensivstation wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt (Foto: picture alliance/dpa/Christophe Gateau)

"Um die Weihnachtszeit wird es den ersten Gipfel geben"

Interview: Dr. Konrad Schwarzkopf, Intensiv- und Notfallmedizin am Klinikum Saarbrücken

Interview: Simin Sadeghi   26.11.2021 | 12:15 Uhr

Noch gibt es in den saarländischen Krankenhäusern Kapazitäten, Coronapatienten aus überlasteten Krankenhäusern zu übernehmen. Aber auch hier steigt die Kurve steil nach oben. Warum die gegenseitige medizinische Unterstützung so wichtig ist, wie die aktuelle Situation und die prognostizierte Entwicklung im Saarland ist und wie bei dieser Welle die Chancen der an Covid-19 erkrankten Patienten stehen, dazu im SR-Interview: Dr. Konrad Schwarzkopf, Leiter des Zentrums für Intensiv- und Notfallmedizin am Klinikum Saarbrücken.

Jetzt ist auch die Luftwaffe der Bundeswehr im Einsatz, um Intensivpatienten von einem Krankenhaus ins andere zu verlegen, denn die Kapazitäten auf den Intensivstationen einiger Krankenhäuser sind inzwischen komplett ausgeschöpft. Auch im Saarland werden derzeit Patienten von außerhalb aufgenommen. Hier ist die Lage auf den Intensivstationen noch im Rahmen. 167 Coronapatienten liegen derzeit in den saarländischen Krankenhäusern, 34 auf Intensivstationen.

Intensivmediziner Schwarzkopf: "Corona ist wie eine Katastrophe in Zeitlupe"
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi, 26.11.2021, Länge: 06:59 Min.]
Intensivmediziner Schwarzkopf: "Corona ist wie eine Katastrophe in Zeitlupe"

Diese gegenseitige Hilfe der Krankenhäuser sei extrem wichtig, sagt Dr. Konrad Schwarzkopf, der Leiter der Intensiv- und Notfallmedizin am Klinikum Saarbrücken. Es sei ein Geben und Nehmen - auf nationaler wie auf internationaler Ebene. "Wir haben im Frühjahr letzten Jahres den Franzosen geholfen. Die Franzosen bieten inzwischen in Deutschland Hilfe an. Und so funktioniert das auch mit den anderen Ländern."

"Um die Weihnachtszeit wird es den ersten Gipfel geben"

Wie die Entwicklung im Saarland sein werde, das sei bereits mathematisch klar berechnet und durchkalkuliert, sagt Schwarzkopf. Das Problem sei, dass den Experten auf diesem Gebiet in den letzten Monaten nicht zugehört worden sei. "Wir wissen, dass es um die Weihnachtszeit den ersten Gipfel geben wird", so Schwarzkopf.

Verlegung nach medizinischen Kriterien

Wenn auf den Intensivstationen im Saarland die Kapazitätsgrenze überschritten werden, dann wird es auch hier Verlegungen in andere Kliniken geben müssen. Dabei spiele es keine Rolle, wo jemand herkomme. Es werde geprüft, welche Patienten grundsätzlich extern verlegbar seien "und aus denen trifft man dann die Auswahl", so der Intensivmediziner.

Die Überlebenschancen

Aktuell liege die Sterblichkeitsrate bei den beatmeten Patienten auf Intensivstation zwischen 30 und 50 Prozent, sagt Schwarzkopf. Bei Patienten, die über eine künstliche Lunge beatmet werden müssen, liege sie zwischen 50 und 60 Prozent.

Insgesamt hätten sich die Überlebenschancen der Covid-19-Patienten im Vergleich zu den ersten Corona-Wellen verbessert, sagt Schwarzkopf. Das sei zum einem dem medizinischen Fortschritt zu verdanken. Es liege aber auch daran, dass die Patienten jünger geworden seien. Bei der ersten Welle seien es vor allem alte Menschen betroffen gewesen, nun seien es eher Jüngere, "die natürlich deutlich fitter ins Rennen gehen", so der Intensivmediziner. Ihre Überlebenschance sei größer.

"Trotzdem kann man es keinen empfehlen, mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 oder 40 Prozent hier bei uns auf der Intensivstation einzukehren, weil man sich das Impfen sparen möchte."

Boosterimpfung jetzt ganz wichtig

Derzeit sei der Großteil der Patienten ungeimpft. Die Zahl der Patienten mit einem Impfdurchbruch sei jedoch ansteigend. Diese Patienten seien aber in der Regel noch ohne Boosterimpfung, sagt Schwarzkopf. Eine Boosterimpfung nach fünf bis sechs Monaten sei bei Impfungen etwas ganz Normales. Die Corona-Boosterimpfung sei jetzt ganz wichtig, "um die Impfung abzuschließen."

"Die vierte Welle ist durch uns produziert worden"

Schwarzkopf fordert jetzt strengere Begleitmaßnahmen. Die ersten drei Wellen seien naturgegeben gewesen. "Die vierte Welle jetzt ist durch uns, durch die Menschheit selber produziert worden", sagt er. Dabei gehe die eine Hälfte auf das Konto derjenigen, "die immer noch so dumm sind, dass sie sich nicht impfen lassen", so der Mediziner. Die andere Hälfte ist unserem falschen Verhalten geschuldet. Angesichts der Bilder aus den Intensivstationen fehle ihm für volle Fußballstadien, Fastnachtfeiern und Gedränge auf Weihnachtsmärkten einfach das Verständnis.


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Ein Thema in der "Region am Mittag" am 26.11.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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