Impfdosis (Foto: SR)

100.000 Menschen im Saarland noch nicht gegen Corona geimpft

Fakten übers Impfen und Hilfen bei Ängsten

Mit Informationen von Steffani Balle   20.09.2021 | 13:04 Uhr

Noch immer sind über 100.000 Menschen im Saarland nicht gegen Corona geimpft. Die Gründe sind vielfältig. Die einen befürchten Nebenwirkungen, andere meinen, Corona gebe es gar nicht, wieder andere sind Impf-Skeptiker und eine Reihe von Menschen haben einfach Angst vor der Spritze.

Rund 1000 Menschen haben sich in der Impf- Aktions- Woche bei einem der niedrigschwelligen Angebote, also im Einkaufszentrum, vor dem Möbelhaus, auf einem zentralen Platz oder vor der Schule ihre Impfung gegen Corona geholt. Aktuell sind knapp drei Viertel aller Saarländerinnen und Saarländer mindestens ein Mal geimpft. Was die Übrigen davon abhält, ist entweder das Alter (unter 12) oder aber die Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen durch die Impfung. Ein Faktencheck.

Angst: „Durch die Impfung sind mehr Menschen gestorben als durch Corona“

Diese Behauptung von Impf- Gegnern ist schlicht falsch. Das Paul-Ehrlich-Institut hat für Deutschland insgesamt 48 Todes-Fälle bestätigt, die im Zusammenhang mit einer Impfung aufgetreten sind. Breit angelegte Studien der Impfstoff-Hersteller Biontech und Moderna haben gezeigt: Insgesamt etwa jeder Hundertste Studien-Teilnehmende klagte nach einer Impfung über Beschwerden wie Beinlähmung, Herzrhythmus-Störungen, Nierensteine oder Gallenblasen-Entzündung. Die Hälfte von ihnen hatte eine Placebo-Spritze bekommen, also reine Flüssigkeit ohne Impf-Wirkstoff.

Nachgewiesen sind deutschlandweit rund 60 schwer verlaufene Thrombose-Fälle nach einer Impfung mit Astra-Zeneca-Impfstoff, sechs der Betroffenen verstarben. Bis Ende Juli wurden in Deutschland 24 Fälle von Myokarditis bei jungen Männern nach Impfung gemeldet. Keine davon verlief schwer oder tödlich. Nach der Infektion mit dem Corona-Virus dagegen sind Deutschland-weit seit Ausbruch der Pandemie knapp 93.000 Menschen gestorben, weltweit 4.670.000.

Angst: „Die Krankenhäuser füllen sich mit Kranken durch die Impfung“

Auch diese Behauptung ist nicht durch Zahlen zu belegen. Das RKI zählte bis Anfang September Deutschland-weit knapp 24.000 so genannte Impf-Durchbrüche nach über 100 Millionen verabreichten Impfdosen. Das heißt, dass sich zwei von 10.000 vollständig Geimpften doch noch mit dem Coronavirus infiziert haben und Symptome wie Fieber oder Husten entwickelten. Wie viele dieser Menschen im Krankenhaus behandelt werden mussten, ist nicht bekannt.

Angst: „Von einer Impfung bekomme ich Gürtelrose“

Die Annahme, dass eine Gürtelrose auf die Impfung gegen Corona zurückzuführen ist, hält Internist und Leiter des Impfzentrums Ost in Neunkirchen, Dirk Jesinghaus. Gürtelrose bekommen ältere Menschen, so Jesinghaus, die im Zusammenhang stehe mit einer allgemeinen Schwächung, einer Erkältung oder Stress etwa. Dass die Gürtelrose gehäuft im Zusammenhang mit einer Corona-Impfung aufgetreten sei, habe er bislang noch nicht gesehen.

Das gibt es auch: "Ich habe Angst vor Spritzen"

Was tun bei Impfängsten?
Audio [SR 3, Steffani Balle, 20.09.2021, Länge: 05:11 Min.]
Was tun bei Impfängsten?

Oftmals liegt der Grund für Spritzenangst in der Kindheit, sind sich Fachärzte einig: Schlechte Erfahrungen bei den ersten Impfungen, Schmerzen an der Einstichstelle oder schlicht ein unsanfter Pieks können dafür verantwortlich sein, dass Menschen auch noch als Erwachsene am liebsten davonlaufen würden, wenn sie eine Spritze auf sich zukommen sehen. Davor sind nicht einmal Ärzte gefeit, weiß Jesinghaus.

Da hilft es wenig zu beteuern, dass die Spritzen extrem dünn sind. Denn es ist ja meist schon der reine Anblick und gar nicht der dann erfolgende Pieks, der empfindliche Menschen in Schweiß ausbrechen lässt. Dirk Jesinghaus appelliert an diese Gruppe, sich einen Plan machen, und es durchziehen. Möglicherweise hilft es ja auch, wenn ein lieber Freund oder Verwandte mitkommen.

Wenn selbst dieser Plan aber unmöglich erscheint, wenn allein der Gedanke an spitze Gegenstände, an Nadeln oder Blut zu Angstzuständen bis hin zur Ohnmacht führt, dann hilft nur der Gang zum Psychotherapeuten. Denn dann handelt es sich nicht um eine überwindbare Furcht, sondern um eine krankhafte Phobie, die behandelt werden sollte.

In Saarbrücken hat sich eine Selbsthilfegruppe gegründet, die sich an alle Menschen richtet, die unter einer Blut- oder Nadel-Phobie leiden oder die generell Angst vor spitzen Gegenständen haben.


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Über dieses Thema wurde auch in der Sendung "Bunte Funkminuten" auf SR 3 Saarlandwelle am 20.09.2021 berichtet.

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