Spritzen zum Impfen (Foto: SR)

"Zwang ist das, was die Ablehnung hochtreibt"

Nadine Thielen   08.11.2021 | 08:40 Uhr

Pieksen oder nicht? Die Corona-Impfung ist momentan das Streitthema in Deutschland. Die Impfquote liegt bei 67 Prozent und die Infektionszahlen steigen. Die Impfquoten sind teilweise sehr unterschiedlich. Nadine Thielen hat mit Prof. Philipp Osten darüber gesprochen, warum das so ist. Er ist Medizinhistoriker und leitet das "Institut für Geschichte und Ethik der Medizin" am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Dass sich so viele Menschen in Deutschland erst einmal nicht impfen lassen wollen, sei aus historischer Sicht nicht vorauszusehen gewesen, sagt Prof. Philipp Osten. Es sei aber ein starkes Nord-Süd- und West-Ost-Gefälle bei den Impfquoten zu beobachten. "Das Saarland steht ja ziemlich gut da, so ist das auch mit Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg."

Religiösität als Faktor

Prof. Philipp Osten: "Zwang ist das, was die Ablehnung hochtreibt"
[SR 3, Nadine Thielen, 08.11.2021, Länge: 04:30 Min.]
Prof. Philipp Osten: "Zwang ist das, was die Ablehnung hochtreibt"

Daraus ließen sich "gewisse Gesetzmäßigkeiten ableiten", so Osten. Historisch gesehen gebe es z.B. gerade im süddeutschen Raum eine große pietistische Bewegung: "Das sind die religiös Übezeugten, die wir auch in den USA, wohin sie ja ausgewandert sind zum Teil, sehen können." Diese "religiöse Individualität" sei ein Punkt, der dabei eine Rolle spielen könne, sagt Osten.

Zwang ist das falsche Mittel

Allerdings sei das nicht immer so gewesen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Bayern und Hessen die Pockenimpfung erstmals großflächig eingesetzt. Das habe tatsächlich auch für eine Pockenfreiheit gesorgt, erklärt Osten. Vorher seien regelmäßig "20 Prozent der Kinder" daran gestorben.

In der Zeit des Nationalsozialismus habe das Impfen dann aus propagandistischen Gründen keine große Rolle mehr gespielt, sagt Prof. Philipp Osten. "Man wollte die Leute nicht mit so etwas unter Zwang setzen." Osten denkt, dass sich manche Regierungen "nicht so richtig trauen, ihre Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen zu überzeugen" - aus Angst vor Widerstand.

Dabei sei es gerade die Aufklärung, die zielführend ist, meint Osten. "Wir kommen mit Aufklärung weiter und mit dem Appell an Solidarität." Zwang hingegen sei "genau das, was die Ablehnung hoch treibt. Wir kommen mit Zwang nicht weiter."

Ein Thema in der Sendung "Guten Morgen" am 08.11.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja