Glücksspiel online (Foto: picture alliance / ANP | Rob Engelaar)

"Glücksspiel ist die teuerste Sucht, die es gibt"

Interview: Gerd Heger   29.09.2021 | 12:20 Uhr

Casinos, Spielautomaten, Onlinewetten - die Liste von Glücksspielangeboten ist lang und treibt viele Menschen in die Sucht. Christine Hensler von der Landesfachstelle Glücksspielsucht fordert zum Aktionstag gegen Spielsucht unter anderem ein generelles Werbeverbot und ein bessere und finanzielle Ausstattung bei der Beratung.

Nach Angaben der Landesfachstelle Glücksspielsucht haben rund 5.100 Saarländerinnen und Saarländer ein ernsthaftes Problem mit Glücksspielen. Drei Viertel von ihnen verlieren dabei Geld an Spielautomaten, der Rest in Spielbanken, bei Sportwetten oder in Internet-Casinos. Nach der Änderung des Glücksspielstaatsvertrages ist seit Juli im Saarland das Online-Glücksspiel erlaubt. Welche Gefahren drohen beim Zocken um das große Geld und wie kann man ihnen entgegen wirken? Dazu im Interview: Christine Hensler von der Landesfachstelle Glückspielsucht.

Frage: Frau Hensler, im Frühjahr hat der saarländische Landtag einen neuen Glückspielstaatsvertrag verabschiedet – gezwungenermaßen. Hat es denn geholfen?

Das verfolgt hier bei uns die Landesmedienanstalt Saarland doch sehr erfolgreich. Die sind da sehr aufmerksam. Er wird mit Sicherheit nicht laufend eingehalten werden, es ist auch schwierig zu kontrollieren. Wir wären eigentlich prinzipiell für ein generelles Werbeverbot.

Glückspiel ist die teuerste Sucht, die es gibt. Denn das Suchtmittel ist Geld. Es reißt die Menschen mit in finanzielle Armut – und oftmals auch die Angehörigen, die Familien, die Freunde. Man muss sich Geld besorgen, und das geschieht oft durch Lügen. Glückspiel beeinträchtigt so viele Menschen im Umfeld.

Frage: In welchen Bereichen muss der Glückspielvertrag noch ausgebessert werden?

Was uns schon betroffen gemacht hat, ist die Legalisierung von den Online-Spielen. Denn da wir ein Feld neu aufgerollt, das bis dahin illegal war, und es wird als Freizeitaktivität beworben. Wir gehen schon davon aus, dass langfristig eine Zunahme von Glückspielern aus dem Onlinebereich zu verzeichnen sein wird durch die Legalisierung.

Frage: Während Corona waren viele daheim angebunden. Hat das die Zahl der Süchtigen in die Höhe schnellen lassen?

Nein. Das war gerade für die terrestrischen Spieler wirklich ein Hilfsmittel. Die waren ein Stück weit befreit. Denn die Spielhallen waren geschlossen. Nur die Spieler, die bereits online gezockt haben, und jetzt noch weniger Freizeitaktivitäten draußen machen konnten, die wurden mehr verführt, weiter online zu zocken. Bei den Sportwetten hat Corona ja dazu geführt, dass nicht so viele Sportveranstaltungen stattgefunden haben - und damit es damit einen leichten Einbruch bei den Sportwetten gab.

Frage: Wer ist denn am meisten betroffen von der Glückspielsucht?

Man kann schon sagen, dass vor allen Dingen junge Männer stärker betroffen sind, zu einem größeren Prozentsatz auch aus dem Migrationsbereich. Sportwetten ist ein Bereich, wo vor allen Dingen Männer tätig sind. Sportaffine Menschen sind betroffen, in Fußballvereinen, in Handballvereinen. Das nimmt schon zu, dass das als Freizeitaktivität gewertet wird.

Frage: Was fordern Sie von der Politik?

Was wir auf jeden Fall fordern, ist das Einfließen der Expertise von Sucht-Fachleuten in die zukünftige Gesetzgebung und vor allen Dingen auch jetzt eine finanzielle Aufstockung der Suchtberatungsstellen und Präventionsstellen.

Ein weiterer Punkt ist natürlich: Wie weit verfolge ich denn Spiele, die illegal angeboten werden? Es muss auch ein Tiger sein, der Zähne hat. Die Anstalt, die das Ganze beaufsichtigen soll, die wird erst ab Januar 2023 tätig sein können.  


Kostenlose und anonyme Beratung

Betroffene und Angehörige können sich hier kostenlos und anonym per Telefon oder auch online beraten lassen:

Landesfachstelle Glückspielsucht Saarland
Telefon: 06 81 30 90 6-90
E-Mail: info@gluecksspielsucht-saar.de.
www.gluecksspielsucht-saar.de


Das komplette Interview zum Nachhören

"Glücksspiel ist die teuerste Sucht, die es gibt"
Audio [SR 3, Interview: Gerd Heger / Christine Hensler, 29.09.2021, Länge: 04:06 Min.]
"Glücksspiel ist die teuerste Sucht, die es gibt"

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Ein Thema in der "Region am Mittag" vom 29.09.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

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