Einbrecher (Foto: dpa/Frank Rumpenhorst)

"Die vergessenen Coronaopfer"

Glosse

Stefan Miller   20.11.2020 | 16:50 Uhr

Nach vielen wirtschaftlichen Einbrüchen melden jetzt auch die Nikoläuse, dass sie praktisch arbeitslos sind. Welche Berufsgruppe ist eigentlich noch nicht von der Pandemie gebeutelt? Nein, eine haben wir in unserer Berichterstattung bisher übersehen. Das muss ein Ende haben, meint SR 3-Programmchef Stefan Miller.

Da soll mal einer sagen, dass nicht jedes Übel auch sein Gutes hat. Gerade meldet die saarländische Polizei, dass die Anzahl der Wohnungseinbrüche sinkt - vermutlich wegen Corona.

Glosse: "Die vergessenen Coronaopfer"
Audio [SR 3, Stefan Miller, 20.11.2020, Länge: 02:06 Min.]
Glosse: "Die vergessenen Coronaopfer"

Nein, die Einbrecher sind nicht alle infiziert. Wegen des Lockdowns sind die Wohnungsinhaber viel öfter zu Hause. Echt harte Zeiten für Einbrecher. Sie können überhaupt nicht mehr in Ruhe alleine arbeiten. Das einbrechende Gewerbe steht wirklich bemitleidenswert da.

Die Landesregierung hat schon über einen Schutzschirm nachgedacht, aber zunächst nur empfohlen, Hartz IV oder Kurzarbeit anzumelden. Nur auf welcher Basis? Stunden- und Einkommensnachweise sind in dieser Branche eher die Ausnahme.

Die Opposition fordert als Voraussetzung für die finanziellen Hilfen knallharte Hygienekonzepte. Einbruch nur noch mit Maske – das macht den Panzerknackern vermutlich die geringsten Probleme – ebenso wie der Mindestabstand von den Hausbewohnern. Tragen von Handschuhen und reinigen sowie Desinfektion des Arbeitsplatzes. Nicht mehr als ein Einbruch in einem familienfremden Haushalt alle vierzehn Tage. Dazwischen Quarantäne. Nur so kann eine Ausbreitung der Pandemie durch Aerosole am Heimtresor wirksam verhindert werden.

Aber was ist, wenn aus dem Lockdown light ein harter Lockdown wird? Dürfen Einbrecher ihre Wohnung dann außer zum Lebensmitteleinkauf überhaupt noch verlassen? Wenn ja, müssen sie sich auf dem kürzesten Weg zu ihrer Einbruchstätte begeben, also entfällt der Umweg über Gärten und Zäune? Sind Einbrüche systemrelevant? Manche Leute würden ja nie was Neues kaufen, wenn sie nicht mal beklaut würden – die Wirtschaft stöhnt. Der Schaden ist jetzt schon enorm. Weniger Aufträge für die Glasermeister, die Versicherungswirtschaft leidet – wer braucht noch eine Diebstahlversicherung? Sicherheitsdienste, die Patentschlösser und Sicherheitstüren verkaufen, gehen in die Knie.

Nachdem die Puffs unter - wie es hieß - „harten Auflagen“ ihre Arbeit zwischenzeitlich wieder aufnehmen durften, sind Einbrecher jetzt endlich an der Reihe, dass man sich auch ihrer annimmt. Aber ob sich Merkel und die Ministerpräsidenten nächste Woche hier schon zu einer befriedigenden Lösung durchringen, bleibt zu bezweifeln. Bisher kein Sterbenswörtchen zu diesem Thema von der Kanzlerin.

Ein Thema in der Sendung "Region am Nachmittag" vom 20.11.2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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