Eine Impfinjektion wird in den Arm gespritzt (Foto: picture alliance/dpa | Daniel Karmann)

"Bisher gibt es keinen Hinweis, dass Langzeitschäden ausgelöst werden können"

Interview: Simin Sadeghi   25.10.2021 | 16:40 Uhr

Viele befürchten Langzeitfolgen nach einer Corona-Impfung. Angeheizt hat die Diskussion aktuell der Profi-Fußballer Joshua Kimmich. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass nach einer Corona-Impfung Langzeitfolgen auftreten? Dazu im Interview: Virologe Dr. Jürgen Rissland.

SR: Herr Rissland, können Nebenwirkungen noch nach Monaten oder Jahren nach einer Corona-Impfung auftreten? Wie begründet sind solche Ängste vor Langzeitfolgen?

Rissland: Nach allem, was wir bis jetzt wissen - und wir haben hunderte von Millionen von Impfdosen bislang verabreicht - gibt es bisher keinen Hinweis darauf, dass Langzeitschäden ausgelöst werden können.

Bei den meisten Impfstoffen - und das wissen wir jetzt schon über viele Jahre - treten Nebenwirkungen kurz nach der Impfung auf. Das heißt nach wenigen Tagen bis Wochen nach der Impfung.

Von daher ist es sehr unwahrscheinlich, dass es zu Langzeitschäden kommt. Der momentane Kenntnisstand ist: Die Covid-19-Impfstoffe sind sicher und auch in Bezug auf die Langzeitschäden bislang unproblematisch.

SR: Aber sicher kann sich doch niemand sein, oder? Wir erinnern uns an den Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus, das bei hunderten Menschen Narkolepsie ausgelöst hat. Können Sie solche Folgen nach jetzigem Forschungsstand ausschließen?

Rissland: Ausschließen ist zuviel gesagt. Man muss immer vorsichtig sein. Bei der Narkolepsie nach den Impfstoffen in der Influenza-Pandemie vor mehr als elf Jahren war es so: Die Signale waren da, sind aber uneinheitlich gewesen. Nicht in allen Ländern, in denen der Impfstoff zum Einsatz gekommen ist, ist diese Impf-Nebenwirkung beobachtet worden.

Man muss aber eine Sache auch positiv hervorheben: Diese Langzeitbeobachtung nach der Einführung in den Markt hört nie auf. Das gilt sowohl für einzelne Impfstoff-Hersteller als auch für die Zulassungsbehörden, die eben nie aufhören, weiter zu beobachten.

SR: Es wird ja immer wieder gesagt, dass der Impfstoff so neu ist, dass er noch gar nicht erforscht sein kann. Ist da was dran?

Rissland: Zum Zeitpunkt der ersten Zulassung sind natürlich die Erkenntnisse über die Sicherheit von neuen Impfstoffen naturgemäß noch nicht vollständig. Das gilt dann natürlich für die Dauer der Nachbeobachtung und auch für die Anzahl der Geimpften, die an den klinischen Prüfungen beteiligt waren. Bei den Covid-19-Impfstoffen ist es aber so, dass wir da schon mehrere zehntausend Studienteilnehmer für jeden einzelnen Impfstoff hatten. Das ist schon eine gute Voraussetzung, auch seltene Nebenwirkungen im Beobachtungszeitraum zu erkennen.

Und: Diese Studienteilnehmer werden jetzt auch zwei Jahre weiter beobachtet. Da geht es nicht nur um die Sicherheit, sondern auch um die Wirksamkeit der Impfung. Aber auch da ist es wieder so: Diese Nachbeobachtung läuft weiter und auch da gibt es bislang keinen Hinweis, dass es in irgendeiner Weise einen Schaden gibt.

SR: Wie kann man Ängste von Freunden und Bekannten fundiert ausräumen?

Rissland: Man kann einfach nochmal darauf verweisen, dass diese Nachbeobachtung läuft und dass die Zulassungsbehörden da permanent ein Auge drauf haben, ob es bei den Impfstoffen in irgendeiner Weise ein Signal gibt. Man erinnere sich nur an die Thrombosen, die beim Astra-Zeneca-Impfstoff aufgefallen sind. Das hat dann auch sehr schnell zu Änderungen der Impf-Strategie geführt.

Auf eine zweite Sache muss man die Menschen aber auch nochmal hinweisen: Es ist tatsächlich so, dass in der Regel die entsprechenden Nebenwirkungen nach der normalen Corona-Infektion deutlich größer sind als die Nebenwirkungen nach der Impfung. Wenn man das alles zusammen nimmt, spricht also eigentlich alles für Impfung und nicht für die Original-Infektion.

SR: Glauben Sie auch, dass die Skepsis teilweise etwas irrational ist?

Rissland: Es fällt zunehmend schwer, die richtigen Argumente zu finden. Man muss ja auch erstmal wissen: Woran macht sich die Skepsis fest. Das ist bei Kimmich jetzt so gewesen, dass er gesagt hat, er habe Angst vor Langzeitschäden. Es gibt andere Vermutungen, die häufig darauf basieren, dass es irgendwo in den sozialen Medien mal eine Nachricht gegeben hat. Aber in der Regel sind die unbegründet.

Das Wichtigste, was man mitteilen kann, ist: Ja, es gibt Nebenwirkungen. Das ist bei jedem biologischem Medikament so. Aber alles, was wir bei den Covid-19-Impfstoffen festgestellt haben, ist, dass die Nebenwirkungen geringer sind als bei der Originalinfektion. Deswegen mein Appell, wenn man skeptisch ist: Beim Arzt informieren und sich impfen lassen.

Das Interview führte Simin Sadeghi.

Das Interview zum Nachhören

Virologe Rissland: "Bisher gibt es keinen Hinweis, dass Langzeitschäden ausgelöst werden können"
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi / Dr. Jürgen Rissland, 25.10.2021, Länge: 05:32 Min.]
Virologe Rissland: "Bisher gibt es keinen Hinweis, dass Langzeitschäden ausgelöst werden können"


Mehr zum Thema

tagesschau.de
Impf-Nebenwirkungen treten nicht erst spät auf
Fußball-Nationalspieler Kimmich möchte Langzeitstudien abwarten. Skeptiker verweisen auf die Impfung gegen die Schweinegrippe, bei der es Langzeitfolgen gab. Doch die traten nicht erst spät auf.

Ein Thema in der Sendung "Region am Nachmittag" vom 25.10.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja