Pflege-Azubi während Corona (Foto: Steffani Balle/SR)

Als Pionierkurs im Einsatz gegen Corona

Steffani Balle   02.09.2020 | 12:40 Uhr

Monatelang hatten Schulen und praktische Ausbilder mit Hochdruck an der Umsetzung der neuen generalistischen Pflegeausbildung gearbeitet. In Saarlouis fieberten achtzehn angehende Pflegefachleute ihrem Ausbildungsstart am ersten April entgegen. Plötzlich war COVID-19 da. Drei Schüler der Pflegeschule am Krankenhaus Saarlouis vom DRK berichten von ihren Erfahrungen mit der neuen Ausbildung – und im Kampf gegen COVID-19.

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Corona-Helden: Pflege-Azubis im Einsatz gegen Corona
Audio [SR 3, Steffani Balle, 02.09.2020, Länge: 03:07 Min.]
Corona-Helden: Pflege-Azubis im Einsatz gegen Corona

Drei Helden stellen sich vor

Pflege-Azubi während Corona (Foto: Steffani Balle/SR)

"Natürlich waren viele von uns anfangs auch besorgt", erzählt der neunzehnjährige Leon, der den Schritt in den Pionierkurs gewagt hat. "Um mich hatte ich keine Angst, aber meine Mutter zählt zur Risikogruppe. Auch meine Freunde haben mich mit Fragen gelöchert." Trotzdem habe er nie in Betracht gezogen, seine Ausbildung nicht anzutreten, im Gegenteil.

Pflege-Azubi während Corona (Foto: Steffani Balle/SR)

Auch für Majed stand außerfrage, seinen Teil beizutragen. "Ich habe nicht nur lange auf diese Chance gewartet, ich will auch helfen", sagt er. "Gerade jetzt." Vor vier Jahren war der Dreiundzwanzigjährige aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Er habe mit YouTube deutsch gelernt, sei dann einem Fußballverein beigetreten und habe Freunde gefunden. "Nur wenn man sich traut zu sprechen, kann man die Sprache wirklich lernen“, erzählt er. Majed studierte ein Semester an der HTW, doch es zog ihn immer stärker ins Krankenhaus. An drei Häusern bewarb er sich, in Saarlouis sagte er zu. "Ich fühlte mich dort sofort angenommen und angekommen." Am Ziel seiner Wünsche, brach COVID-19 über die Welt herein.

Pflege-Azubi während Corona (Foto: Steffani Balle/SR)

Anders als ihre beiden Mitschüler absolvierte die siebenundzwanzigjährige Linda gerade den letzten Praxiseinsatz ihrer Krankenpflegehelfer-Ausbildung, als COVID-19 das beherrschende Thema wurde. Da sie im Ambulanten Dienst sofort geschult wurde, blieb keine Zeit für Panik. Doch dann erhielt ihre Mutter die Diagnose Krebs, begann die Chemotherapie. „"ch konnte nicht mitgehen, nicht ihre Hand halten. Zum Glück geht es ihr inzwischen besser." Dazu kam die Ungewissheit, ob es mit dem Anschluss an die Ausbildung zur Pflegefachfrau klappen würde. "Aber die Schulleitung hat uns beruhigt: Irgendwie würde es weitergehen." Bald war klar, dass die angehenden Pflegefachleute direkt in die Praxis starten würden. Linda wurde zur Unterstützung der Pflegefachkräfte eingeteilt. "Durch die KPH kannte ich das Haus und brachte Kenntnisse mit. Wir durften gleich die Grundpflege übernehmen, wurden um unsere Einschätzung zu Patienten gebeten und in neue Aufgaben eingewiesen.“ Die Erleichterung auf Station, dass trotz und gerade in der Pandemie Schüler zur Unterstützung da waren, war spürbar. In ihrem Team bemühten sich alle, weitgehende Normalität aufrecht zu erhalten. Viele der Kollegen und Kolleginnen hatten schon den Ausbruch der Schweinegrippe und des Norovirus miterlebt. An manchen Tagen schien COVID-19 weit weg. "Dann gab es die Tage, an denen ich drei Mal gerufen wurde, die Leichenbahre zur Isolierstation zu bringen", erzählt Linda. „Das war schon heftig, da kommen Bilder von New York oder Italien hoch.“

Anpassung der Ausbildung an die plötzlich veränderten Bedingungen

In der schwer getroffenen Region erarbeitete das Krankenhaus fieberhaft Konzepte, mit der Pandemie umzugehen. In der Schule wälzte das Team Möglichkeiten, pünktlich starten zu können. „Wir wollten in der Krise Verlässlichkeit bieten“, betont Schulleiterin Doris Grün. "Durch den engen Austausch zwischen uns und dem Haus konnten wir schließlich rechtzeitig eine vernünftige Lösung auf die Beine stellen." Zuerst in die Praxis – eine Vorgehensweise, die ungewöhnlich war. Doch unvorbereitet ins kalte Wasser geworfen wurden die Schüler nicht.

Die drei Schüler sind sich einig, dass die Anpassung der Ausbildung an die plötzlich veränderten Bedingungen gelungen ist. In der Schule werden sie in zwei Gruppen unterrichtet, die Abstands- und Hygieneregeln sind streng, die Unterrichts- und Pausenzeiten so gelegt, dass keine Begegnungen stattfinden.

"COVID-19 hat Wertbewusstsein gestärkt"

Dass das Wertbewusstsein dank COVID-19 in der Bevölkerung angekommen ist, erleben die Pflegeschüler als sehr positiv. Ob Klatschen von Balkonen, kostenfreier Durchhalte-Kaffee oder Geschenkboxen mit Nervennahrung von Unternehmen und Angehörigen, für sie zählt die Geste. "Natürlich kann ich verstehen, dass mehr Geld gefordert wird", sagt Linda. "Aber für mich persönlich ist es noch schöner, wenn Menschen mir zeigen, dass sie meine Arbeit wertschätzen. Diese Anerkennung ist furchtbar wichtig." Auch für Leon hat es keinen Beigeschmack, plötzlich systemrelevant genannt zu werden. "Den Leuten wurden die Augen geöffnet. Das ist gut. Es war an der Zeit."

Alle drei Pflegeschüler sind nach den ersten Monaten überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben.

Einer möglichen zweiten Corona-Welle sehen die angehenden Pflegefachleute ruhig entgegen. "In diesem Beruf hat man natürlich mit Krankheiten zu tun", stellt Majed fest, und Leon stimmt zu: "Es ist nicht die erste und wird nicht die letzte Pandemie sein." Für leichtsinniges Verhalten in der Bevölkerung haben sie dennoch kein Verständnis. Linda hofft angesichts der wieder steigenden Infektionszahlen auf mehr Einsicht für Hygiene- und Abstandsregeln, fühlt sich aber gewappnet für den Ernstfall.

Ein Thema in der "Region am Mittag" vom 02.09.2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

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