Buchenwald-Überlebender Jacques Bloch (Foto: Sabine Wachs)

Die anrührende Suche nach der Familie eines Arztes

mit Informationen von Sabine Wachs   03.02.2020 | 07:56 Uhr

Jacques Bloch war 18 Jahre alt, als er seinen Arm im Kampf gegen die Wehrmacht verlor, die Gestapo nahm ihn gefangen. In der Gestapo-Zentrale im französischen Montlucon begegnete Bloch dem deutschen Arzt, der ihn behandeln wollte. Der Arzt bezahlte mit seinem Leben. Bloch wurde ins KZ Buchenwald deportiert, überlebte das Lager und kehrte 1945 nach Paris zurück. Noch im selben Jahr fing er an, die Familie des Arztes zu suchen.

Die anrührende Suche eines Buchenwald-Überlebenden
[SR 3, Sabine Wachs, 03.02.2020, Länge: 02:29 Min.]
Die anrührende Suche eines Buchenwald-Überlebenden

 Die Erinnerung darf nicht verschwimmen

Er sieht nicht aus wie 95 Jahre. Jacques Bloch sitzt in einem frisch gebügelten, dunklen Hemd im mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer seiner Pariser Wohnung. Sein Händedruck ist kräftig, seine Augen wach. Er ist fit, zumindest im Kopf, sagt er – und trotzdem hat er Angst, dass seine Erinnerungen langsam verschwimmen. Bevor alles weg ist, will der jüdische Widerstandskämpfer seine Geschichte noch so oft es geht erzählen. Denn es ist eine Geschichte, die ihn seit dem Sommer 1944 nicht mehr loslässt.

Der Widerstand und ein deutscher Arzt

Unter dem Decknamen Jacques Binet kämpfte Bloch im Widerstand gegen die Gestapo. Am 7. Juni 1944 gehört er zu der Résistance-Einheit, die die Stadt Guéret von den Nazis befreit. Im Kampf gegen die Wehrmacht wird er schwer verletzt, sein rechter Arm muss amputiert werden.

Wenige Tage später nimmt ihn die Gestapo gefangen und bringt ihn in ihre Zentrale im französischen Montlucon. Dort wird Bloch einem Arzt vorgestellt: "Als er in das Zimmer kam, waren Krankenschwestern dabei, mich zu versorgen. Ich sah schlimm aus, sie hatten mich geschlagen und gefoltert. Der Arzt fragte mich, wer hat sie so zugerichtet. Ich sagte – und das war meine kleine Rache – das waren ihre Freunde von der Gestapo. Und da sagte er: Monsieur, das tut mir Leid. Ich schäme mich Deutscher zu sein."

Französisches Gestapo-Opfer
Späte Suche nach seinem Retter
Jacques Bloch kam als Widerstandskämpfer schwer verwundet in Nazi-Haft. Ein deutscher Arzt ließ ihn behandeln, und bezahlte dafür mit seinem Leben. Seit über 70 Jahren sucht Bloch nach der Familie des Mannes.

Der deutsche Arzt wurde von den Nazis erschossen - weil er sich den Befehlen von oben widersetzt habe, glaubt Bloch. Er erinnert sich daran, dass der Arzt den Krankenschwestern den Befehl gab, ihn zu behandeln, die Wunden der Folter und die Amputationswunde zu versorgen. Es ist die einzige Person , der Bloch begegnet, die den Mut hatte, sich den Anweisungen der Nazis zu widersetzen. Weder im Gefängnis von Moulins, noch im KZ Buchenwald habe er das erlebt. Nachdem er das KZ überlebte, beim Todesmarsch fliehen konnte und im April 45 zurück nach Paris zurückkam, sucht er nach der Familie des Mannes, der ihm helfen wollte:

Die Suche

"Ich habe lange gesucht. 45, 46 bis in die 50-er und 60-er Jahre hinein. Ich habe an die Bundeswehr geschrieben, den Suchdienst des Roten Kreuz kontaktiert, bei anderen deutschen Stellen angefragt."

Bis heute konnte Jacques Bloch niemand weiterhelfen. Zwar ist seine Erinnerung an den Mord selbst klar. Die an die Umstände allerdings ist lückenhaft. 76 Jahre nach dem traumatischen Erlebnis kann er nicht genau sagen, ob der Arzt tatsächlich Uniform trug, er kennt seinen Dienstgrad nicht. War es ein Nazi-Offizier, ein Soldat, vielleicht auch nur ein Krankenpfleger? All das ist unklar. Und auch die französischen Archive konnten bisher keine Antworten liefern. Viele Akten über die NS-Besatzung in Frankreich wurden vernichtet.

"Ich habe alles versucht. Man hat mir Bilder verschiedener Ärzte gezeigt, die ein böses Ende in Europa genommen hatten. Aber nie war der Arzt dabei. Und so konnte ich nie meine Aufgabe erfüllen, seinen Angehörigen zu erzählen, dass er mutig gestorben ist.“

Die Geschichte treibt Jacques Bloch seit nunmehr 76 Jahren um. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, eine Spur zu den Angehörigen des Mannes zu finden, der ihn im Sommer 44, im Gestapo-Lager Montlucon behandeln wollte und der in seinen Armen starb:

"Für mich war dieser Arzt ein Held, für die anderen ein Verräter. Er hat mit seinem Leben bezahlt und das rührt mich immer noch zu Tränen, bis heute." Bis heute hat Jacques Bloch ihn nicht vergessen.

Über dieses Thema wurde auch in SR 3 - Guten Morgen am 03.02.2020 berichtet.

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