Rettungsaktion Hostenbacher Wald (Foto: SR / Lisa Krauser)

Wie viel Bodenversiegelung können wir uns leisten?

Lisa Krauser   06.12.2021 | 07:04 Uhr

Das Saarland ist hinter Nordrhein-Westfalen das am zweistärksten versiegelte Flächenland. Umweltverbände und Bürgerinitiativen fordern, dass im Saarland weniger auf der grünen Wiese gebaut wird. Ganz ohne geht es aber nicht, sagt die Landesregierung.

Etwa zehn Prozent der gesamten Fläche des Saarlandes sind versiegelt. Damit ist es das am zweitstärksten zugebaute Flächenland in Deutschland, gleich hinter Nordrhein-Westfalen. Laut Bauministerium kommen jeden Tag im Schnitt bis zu 0,1 Hektar dazu. Im Jahr sind das bis zu 50 Fußballfelder, die neu versiegelt werden – das heißt, wo aus Wald-, Acker- oder Wiesenboden Asphalt wird.

Angesichts der Klimakrise zu viel, findet Peter Rhiem, Sprecher von VIF, der Volksinitiative gegen Flächenfraß im Saarland. "Die Starkregenereignisse an der Ahr haben uns gezeigt, zu welchen Auswirkungen sie fähig sind.", so Riehm. Ein Waldboden könne ein Vielfaches an Regenwasser auffangen im Vergleich mit versiegelten Flächen, deswegen müsse der Wald geschützt werden.

Revitalisierung alter Flächen

Generell gilt nach Angaben des saarländischen Wirtschaftsministeriums der Grundsatz "Revitalisierung vor Neuerschließung". In den letzten 20 Jahren habe man rund 335 Hektar alte Flächen wieder für Gewerbe und Industrie nutzbar gemacht, wie zum Beispiel die ehemalige Saar-Pfalz-Kaserne in Bexbach oder den Eurobahnhof in Saarbrücken. Gegner der SVolt-Ansiedlung auf dem Linslerfeld in Überherrn fordern, dass die Fabrik auf einer alten Brachfläche gebaut wird, einem sogenannten Brownfield, wie etwa auf dem alten Kraftwerksgelände Ensdorf.

Was in der Theorie einfach klingt, sei in der Praxis schwierig, sagt Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke: "80 Hektar zusammenhängende Fläche, die für die Umsetzung dieses Projektes gebraucht wird, haben wir auf keiner Brownfield-Fläche.

Flächenverbrauch im Saarland
Audio [SR 3, Lisa Krauser, 06.12.2021, Länge: 04:03 Min.]
Flächenverbrauch im Saarland

Und die Investitionsentscheidungen dieser Unternehmen werden oft auch auf sehr kurzen Zeitachsen getroffen, sodass ich niemandem sagen kann, kommen Sie doch in zwei, drei Jahren wieder, wenn der Kraftwerksturm beseitigt ist." Oft gibt es bei der Revitalisierung alter Flächen laut Wirtschaftsministerium auch Hürden wie zu hohe Preisvorstellungen der Eigentümer oder berg-, planungs-, und baurechtliche Vorgaben.

Kataster für Brachflächen

Damit mehr alte Flächen und Gebäude genutzt werden, statt grüne Wiese bebaut wird, fordern Umweltverbände und Bürgerinitiativen ein Leerstandskataster. Für Gewerbeflächen gibt es das schon, sagt Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke.

Ein vollständiges Kataster mit allen Brachflächen sei in Planung: "Die Instrumente dafür sind zum Beispiel der Landesentwicklungsplan Siedlung und der Landesentwicklungsplan Umwelt, die in einem Produkt demnächst das Licht der Welt erblicken sollen. In diesen Werken wird dann das komplette Leerstandsgeschehen abgebildet sein."

Noch kein Entwicklungsplan fürs Saarland

Der Landesentwicklungsplan ist das zentrale Instrument, mit dem die Landesregierung festlegt, wo wie gebaut werden darf. Der jetzige ist über 15 Jahre alt. Ein neuer ist seit Jahren angekündigt. Schon im Koalitionsvertrag von 2012 und im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU und SPD steht drin, dass der Plan Umwelt (aus dem Jahr 2004) und der Plan Siedlung (aus dem Jahr 2006) zu einem Landesentwicklungsplan Saarland zusammengefasst werden sollen.

Nach Einschätzung von Umweltminister Reinhold Jost wird er allerdings auch in dieser Legislaturperiode nicht mehr fertig: "Ich habe die Hoffnung, dass wir es auf einen geeinten Entwurf schaffen, der dann auch in die externe Anhörung kommt. Mit der Folge, dass wir uns dann auch mit den Verbänden darüber unterhalten können. Dass es aber noch in dieser Legislaturperiode zu einer Verabschiedung des Landesentwicklungsplans kommen wird, glaube ich eher nicht."

Maßnahmen zum Ausgleich oft nicht genug

Flächenverbrauch: Ausgleichsmaßnahmen ausreichend?
Audio [SR 3, (c) SR 3 Lisa Krauser, 06.12.2021, Länge: 03:08 Min.]
Flächenverbrauch: Ausgleichsmaßnahmen ausreichend?

Im Naturschutzgesetz ist festgelegt, dass es für Eingriffe in die Natur Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen geben muss. Ersatz bedeutet, dass eine andere Fläche ökologisch aufgewertet wird. Ausgleich heißt, dass für eine versiegelte Fläche woanders Fläche entsiegelt wird. Aber letzteres passiert eher selten, sagt Andreas Ney, Umweltschutzbeauftragter der Stadt Saarlouis. Es gebe schlichtweg zu wenige Flächen, die man entsiegeln könne.

Stattdessen gibt es meistens Ersatzmaßnahmen, wie etwa am Lisforder Berg. Dort hat die Stadt Ackerflächen in Brachland umgewandelt. Auch wenn Entsieglungen besser wären, sind Ersatzmaßnahmen wie am Lisdorfer Berg prinzipiell eine gute Sache, findet Wendelin Schmitt vom Naturschutzbund NABU. Allerdings nur, wenn sie ordentlich durchgeführt und gepflegt werden. Teilweise seien die Kommunen damit überfordert. Ersatz- oder Ausgleichsmaßnahmen sind außerdem nicht immer vorgeschrieben. Wenn Bauprojekte im beschleunigten Verfahren durchgeführt werden, dürfen Kommunen darauf verzichten.

Flächenverbrauch: Leerstand besser nutzen
Audio [SR 3, (c) SR 3 Lisa Krauser, 06.12.2021, Länge: 03:09 Min.]
Flächenverbrauch: Leerstand besser nutzen


Ein Thema in der Sendung "Guten Morgen" am 06.12.2021 auf SR 3 Saarlandwelle.

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