Der Werkstätten-Tag 2022 in Saarbrücken (Foto: SR/Lena Schmidtke)

Behindertenwerkstätten - Rettungsanker oder Ausbeute-Station?

mit Informationen von Lena Schmidtke und Sarah Sassou   01.06.2022 | 12:40 Uhr

Behindertenwerkstätten bieten Menschen mit Handicap einen Arbeitsplatz - und stehen oft in der Kritik: Schlechte Bezahlung und auch Abschottung, fürchten viele. Aber ist das wirklich so? Oder verkörpern Behindertenwerkstätten Inklusion und bieten den Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance? Wir haben Betroffene beim Werkstätten-Tag in Saarbrücken gefragt.

Behindertenwerkstätten sollen Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt integrieren. Denn oft ist es für sie schwer, einen Job im freien Arbeitsmarkt zu finden. Wie es Betroffenen im Saarland ergeht, haben wir auf dem Saarbrücker Werkstätten-Tag gefragt.

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Video [aktueller bericht, 01.06.2022, Länge: 3:37 Min.]
„Bundesgesetzgebung zur Entlohnung in Werkstätten gehört reformiert“

"Behindertenwerkstätten brauchen wir ganz dringend!"

Eleonore Brach hat wegen ihrer Lernschwäche schon viele negative Erfahrungen gemacht. "Du bist blöd, Du kannst das nicht", erzählt sie, habe man ihr auf dem freien Arbeitsmarkt gesagt. In der Behindertenwerkstatt in Neunkirchen, in der sie jetzt arbeitet, wird sie so akzeptiert wie sie ist. Deswegen ihre klare Meinung: "Behindertenwerkstätten brauchen wir ganz dringend! Wo sollen manche Menschen hin?“

In Deutschland sind über 320.000 Erwachsene in Behindertenwerkstätten beschäftigt, sie haben Down-Syndrom, sind querschnittsgelähmt, haben Persönlichkeitsstörungen. Allein im Saarland gibt es elf Behindertenwerkstätten: Sie montieren beispielsweise Armaturen oder verpacken Geschirr.

"Wir wollen behandelt werden wie normale Menschen."

So auch Tanja Schmitt. Ihr gefalle es sehr gut in der Werkstatt, sagt sie. "Wenn ich sonst wo arbeiten muss, bekomme ich Panik und Angstzustände. Deswegen bin ich zur Behindertenwerkstatt, sonst würde ich nur zuhause rumsitzen und gar nichts machen."

Trotzdem unterstützt sie Kollegen, die gerne raus aus der Behindertenwerkstatt wollen. Denn es gebe auch Firmen, die sie Probe arbeiten ließen. Und: man könne jederzeit auch wieder zurück. Das Wichtigste für sie: "Wir wollen behandelt werden wie normale Menschen."

Abschottung von der Gesellschaft?

Ein gewisser Zwiespalt ist also da: die Behindertenwerkstätten sind etwas abgegrenzt von der „restlichen“ Gesellschaft, einfach weil dort überwiegend Menschen mit Handicap arbeiten.

Und trotzdem sind sie wichtig: Rita Zimmer etwa hat schon mal ein Praktikum auf dem freien Markt gemacht. Aber nur in der Behindertenwerkstatt fühlt sie sich richtig wohl – und hat hier schon viel für ihren Alltag mitgenommen: Hier werde sie selbstständiger - fahre zum Beispiel zur Arbeit und wohne auch alleine. So etwas hätte sich vorher nie getraut.

Werkstätten als Tor zur Arbeitswelt

Und vielleicht landet sie dann doch wieder auf dem Arbeitsmarkt. Dass das durchaus klappen kann, weiß Anette Ritter. Sie arbeitet bei der AWO Dillingen und ist Vertrauensperson in einer Behindertenwerkstätte. Viele hätten es durch die Förderung in den Werkstätten geschafft, in den freien Arbeitsmarkt zu kommen, sagt sie.

Seit 45 Jahren erlebt sie die Entwicklung der Behindertenwerkstätten hautnah mit und beobachtet eine mehr und mehr individuelle Förderung. man könne deshalb nicht von Sonderwelten sprechen,"wenn wir von Behindertenwerkstätten sprechen." Sondern das seien "Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und den Blick offen zu haben für einen inklusiven Arbeitsmarkt."

Begegnung auf Augenhöhe

So gesehen können die Behindertenwerkstätten eine wichtige Basis für die Inklusion sein - alleine schon, weil sie auch ein sozialer Treffpunkt sind. "Diese Tagesstruktur, einen sicheren Ort zu haben, ein gewohntes Umfeld. Menschen, zu denen man Vertrauen hat. Das ist wichtig", findet Katja Eichler.

Sie hat am Werkstätten-Tag in Saarbrücken teilgenommen, um mehr Wertschätzung für ihre Arbeit zu bekommen. Denn ohne Behindertenwerkstatt gehe es nicht für sie: "Für mich ist das wie ein Zuhause. Man weiß: man wird nicht von oben herab betrachtet, sondern alles ist auf Augenhöhe. Jeder Mensch ist gleich."

Forderung nach fairerer Entlohnung

Beschäftigte von Behindertenwerkstätten fordern fairere Löhne
Audio [SR 3, Sarah Sassou, 01.06.2022, Länge: 03:11 Min.]
Beschäftigte von Behindertenwerkstätten fordern fairere Löhne

In der Kritik stand auf dem Werkstätten-Tag jedoch die als unfair empfunde Entlohnung der Werkstattbeschäftigten. Denn trotz Vollzeitstelle erhalten die Werkstattbeschäftigten mit Erwerbsminderung am Monatsende nur ein Entgelt von rund 200 Euro. Hinzu kommen möglicherweise eine Rente und andere Leistungen.

Da fühle man sich oft als Bittsteller, sagt Jürgen Thewes, Vorstand der Werkstatträte Deutschland, der Gewerkschaft für Werkstattbeschäftigte. Das finden sie unfair, denn trotz der zusätzlichen Leistungen vom Staat, sei am Ende vom Monat oft kaum noch Geld übrig.

Basisgeld als Lösung

Um den Werkstattbeschäftigten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, müsse sich etwas ändern, so Thewes. Der Vorschlag: ein Basisgeld. Das solle „aus einer Hand“ kommen, übersichtlich, unbürokratisch und für jeden ausreichend sein, so Thewes. Zusätzlich solle es dann noch Zusatzleistungen geben.

Neues Gesetz frühstens 2023

Viele Fragen seien offen, sagt Martin Berg Vorsitzender, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (BAG). Es brauche eine Perspektive für die Beschäftigten. Dabei müsse geklärt werden, ob es für die Beschäftigten einen Arbeitnehmerstatus mit Mindestlohn oder eine Grundrente mit Zusatzleistungen geben solle.

Regeln muss das ein neues Bundesgesetz. Doch das kommt frühstens 2023. Denn die Bundesregierung will erst noch eine Studie abwarten. Und was da drinstehen wird, weiß noch niemand.

Der gemeinsame Konsens auf dem Werkstätten-Tag in Saarbrücken ist jedenfalls: Das Gesetz muss fair sein für die mehr als 300.000 behinderten Werkstattmitarbeitenden bundesweit. Zudem muss dafür dafür gesorgt werden, dass die 700 Werkstätten in Deutschland weiterhin wirtschaftlich arbeiten können, weil sie einen Teil der Bezahlung übernehmen.


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Ein Thema in der Sendung "Region am Mittag" am 01.06.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.

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