Kartoffel (Foto: dpa)

"Gerechtigkeit im Garten - It´s a jungle out there"

ARD Themenwoche Gerechtigkeit: Glosse

Katja Preißner   16.11.2018 | 09:45 Uhr

Das grünere Gras des Nachbarn, gemobbte Mauerblümchen, dicke Kartoffeln und ihre sprichwörtlich "dummen Bauern", schier nicht vergehendes Unkraut: Im Garten wächst ja ne ganze Menge - aber wie "gerecht" geht es da wirklich zu? Im Rahmen ARD-Themenwoche geht SR 3-Reporterin Katja Preißner dieser Frage nach. Ein nicht ganz ernster Blick auf die Gerechtigkeit im Garten.

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ARD Themenwoche: "Gerechtigkeit im Garten"
Audio [SR 3, Katja Preißner, 16.11.2018, Länge: 04:37 Min.]
ARD Themenwoche: "Gerechtigkeit im Garten"

Gerechtigkeit im Garten? Naja - die dümmsten Bauern ernten bekanntlich die dicksten Kartoffeln. Fair ist das nicht! Könnte aber dran liegen, dass die dümmsten Bauern einfach die Natur machen lassen und nicht krampfhaft versuchen, schicke Sachen da anzubauen, wo´s gar nicht geht.

Gerechtigkeit – eine Frage des Standorts

Das ist das Geniale an den Streuobstwiesen: Da wachsen Sorten, die exakt zum Standort passen. Oder gehen Sie mal nach Mannheim mit seinen zwei großen Parks: Im Luisenpark suchen Sie Rosenbeete vergebens: viel zu feucht dafür, weil direkt am Neckar gelegen! Deshalb sind da auch die Wiesen so satt grün.

Anders als im Herzogenriedpark, wo Sie tolle Rosen finden, weil´s da so schön trocken ist. So! Die Ehre der vermeintlich dummen Bauern wäre damit wieder gerettet.

Ungleicher Kampf: Evolution versus Gartenplanung

Aber ganz ehrlich: In meinem Garten gibt es etwas, dagegen kommen selbst die standortgerechtesten Gewächse nicht an. Da macht sich jemand mit spitzen Ellbogen breit, als gehöre ihm das alles. Das ist gar nicht gerecht. Da kann ich Jahre drauf warten, dass meine Königskerzen auch nur eine Kerze bilden! Da ist mir am perfektesten der perfekten Standorte schon wieder der Wollziest eingegangen. Aber der Schachtelhalm kommt überall durch!

„Du hast doch nur Glück gehabt“, will ich ihm zurufen. „Hast einfach den perfekten Bauplan, der dich fast unverändert durch 400 Millionen Jahre gebracht hat. Das ist nur Zufall, und nicht gerecht!“ Denn im Ernst: Schachtelhalme gelten als lebende Fossilien. Und sie haben beim Verteilen der Baupläne tatsächlich einfach Glück gehabt. Aber irgendwie auch nicht. Andere lebende Fossilien wie – sagen wir: die Queen, oder früher Helmut Schmidt, werden allein schon dafür verehrt, dass sie so lange da sind. Der Schachtelhalm nicht. Obwohl er wesentlich mehr Kieselsäure enthält und man mit seinem Extrakt sogar düngen kann. Gerecht ist das nicht!

Mauerblümchen: Auf die inneren Werte kommt es an!

Und dann reden wir mal über die Mauerblümchen. Über die sprichwörtlichen Schattengewächse, die im Abseits stehen neben Rosen, Magnolien, Rhododendren und Pfingstrosen, auf die die Gärtner so stolz sind.

Wir müssen mit dem Blick durch den Garten gehen, mit dem Hubert de Givenchy damals Audrey Hepburn sah. Ihren überlangen Hals, keine Rundungen. Andere hätten das kaschiert. Er hingegen hat es herausgestellt und betont. Das Ergebnis war hinreißend!

Aber möchten wir wirklich einen Garten ganz ohne Gänseblümchen, Löwenzahn und Klee? Nur weil sie so freundlich sind, ungefragt zu wachsen, wissen wir sie nicht zu schätzen.

Der Oscar für die Kostüme in „Sabrina“ ging damals übrigens an Edith Head und nicht an Hubert de Givenchy, obwohl die Roben, in denen Audrey Hepburn Humphrey Bogart um den Finger wickelt, von ihmwaren. Edith Head war Paramounts Haus-Designerin und hatte einfach die Macht und die Bösartigkeit, Givenchy aus dem Abspann und den Oscar-Nominierungen rauszuhalten. Erst nach ihrem Tod fast 30 Jahre später hat er sich dazu geäußert.

Also: es lohnt sich also immer ein zweiter, genauerer Blick. Ganz besonders im Garten. Und wenn die Optik nicht zählt, kommt die Gerechtigkeit spätestens beim Blick auf die inneren Werte.

Da liegen die verpönten Wildkräuter nämlich klar vorn: Der Giersch gibt eine feine Suppe, und der Rest sind Zeigerpflanzen. Der Huflattich sagt: Staunässe im Boden. Der Schachtelhalm sagt: Boden verdichtet. Brennessel und Löwenzahn sagen: stickstoffreiche Erde. Und die vier Meter langen Brombeerzweige, die aus meinem Hochbeet über den Rasen schlängeln sagen: Ich müsste dringend mal wieder was im Garten tun! Danke, liebe unterschätzte Gartengewächse!

Ein Thema in den "Bunten Funkminuten" vom 16.11.2018 auf SR 3 Saarlandwelle.

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