Drei Kinder halten Geldmünzen in den Händen.  (Foto: dpa/Patrick Seeger)

Jedes zweite Kind leidet unter Armut

Interview mit Pädagogisch-Sozialer Aktionsgemeinschaft

Interview: Gerd Heger   13.07.2022 | 13:45 Uhr

Rund 160.000 Menschen im Saarland droht das Abrutschen in die Einkommensarmut. Das Problem trifft vor allem kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund. Eva Jung-Neumann von der Organisation "Pädsack" betreut Betroffene aus dem Quartier "Wackenberg" in Saarbrücken. Hier ist die Armut längst angekommen, sagt sie.

Das Thema Armut betrifft auch im Saarland immer mehr Menschen. Etwa 16 Prozent der Saarländerinnen und Saarländer waren 2020 von Einkommensarmut bedroht. Das heißt, sie hatten im Monat weniger als rund 1100 Euro zur Verfügung. Das geht aus dem aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht hervor.

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Interview: Armut im Saarland schon trauriger Alltag
Audio [SR 3, Interview: Gerd Heger (c) SR, 13.07.2022, Länge: 06:54 Min.]
Interview: Armut im Saarland schon trauriger Alltag

Neu ist die Problematik nicht. Auch Eva Jung-Neumann ist nicht überrascht. Sie sagt im SR 3- Interview, diese Zahlen würden sie nicht umhauen, sie sähen die Armut täglich in den Quartieren, das sei schon längst trauriger Alltag im Saarland.

Aktuelle Zahlen nur die Spitze des Eisberges?

In dem aktuellen Armutsbericht sind die Zahlen aus der Corona- Pandemie noch nicht enthalten, warnt Jung- Neumann. Die Realität sieht also womöglich noch düsterer aus. Auch in den Jahren seit Beginn der Pandemie hätten sie eine Zunahme der Betroffenen beobachtet. Viele Menschen seien durch Corona neu in Armut gefallen, es habe einen regelrechten Zustrom an Beratungen bei ihnen gegeben, erzählt sie. Es sei kaum möglich gewesen, alle Anfragen zu bewältigen.

Jedes zweite Kind betroffen

Auch die Zahl der armutsgefährdeten Kinder und Jugendlichen im Saarland hat deutlich zugenommen. Rund jedes fünfte Kind unter 18 ist armutsgefährdet.

Auf dem Saarbrücker Wackenberg sei jedes zweite Kind betroffen, teilweise schon ab Geburt, sagt Eva Jung-Neumann.

Auch Altersarmut sei ein großes Thema. Besonders die Frauen seien betroffen, die nach einem langen, arbeitsreichen Leben mit mehreren Jobs irgendwie durch gekommen seien. Die Rente reiche dann aber nicht zum Leben. "Da ist die Scham sehr, sehr groß, zum Amt zu gehen und Grundsicherung zu beantragen."

Auch Mittelschicht droht abzusinken

Betroffen seien auch Familien aus der so genannten Mittelschicht. Die hätten sich in der Sicherheit gewogen, es reiche, sie kämen klar. Durch Jobverlust oder Erkrankung, auch Corona, fielen auch viele von ihnen in Armut. "Diese Menschen tun sich außerordentlich schwer, um Unterstützung zu bitten." Auch da versuche die Pädsak zu helfen.

Bundesregierung muss handeln

Auf Landesebene könnten die Probleme nicht gelöst werden. Das Saarland könne einiges anschieben. Sozialminister Magnus Jung habe gute Ideen vorgestellt, "die Gesetze werden aber in Berlin gemacht", meint Eva Jung-Neumann. Da gehe es darum, dass das verfügbare Volumen gerecht verteilt werden müsse. Stichworte seien Förderung der Arbeitsmarktpolitik und die Stabilisierung eines sozialen Arbeitsmarktes.

"Wir werden alle betroffen sein"

Die Ärmsten werde es wieder am Härtesten treffen. Der Einzelne könne ein bisschen über den Tellerrand schauen, was sich in der Nachbarschaft tue, was in eigenen Viertel oder der Stadt gebe. Es gebe eine Reihe von Initiativen, die Tafeln oder etwa Gemeinwesenprojekte in den Quartieren.

Da sei ehrenamtliches Engagement möglich, auch in der Arbeit mit Migrantinnen und Migranten. "Auf dem Wackenberg in St. Arnual haben wir eine Menge Unterstützerinnen und Unterstützer, die da viel bewegen." So könne jeder etwas tun.

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Ergebnis des Armutsberichts
160.000 Saarländer sind armutsgefährdet
Rund 160.000 Menschen im Saarland droht das Abrutschen in die Einkommensarmut. Das Problem trifft vor allem kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund. Das Sozialministerium plant gezielte Hilfspakete.

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 13.07.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.

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