Ein Schild weist 2007 im Wohnhaus eines 22-jährigen wegen Terrorverdachts festgenommenen Saarländers in Dudweiler-Herrensohr auf die Omar-Moschee hin. (Foto: Becker&Bredel/dpa)

Vor zehn Jahren: Auftakt zum Sauerland-Prozess

Gabor Filipp / Onlinefassung: Axel Wagner   23.04.2019 | 12:59 Uhr

Am 22. April 2009 begann vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf einer der spektakulärsten Prozesse der bundesdeutschen Justizgeschichte. Vier junge Männer saßen auf der Anklagebank, die so genannte Sauerlandgruppe. Unter ihnen der Saarländer Daniel Martin S. aus Neunkirchen. Das islamische Quartett hatte blutige Anschläge geplant und vorbereitet.

Es waren ein kühler Morgen und eine bedrohliche Kulisse: Dutzende von akkreditierten Medienvertretern aus aller Welt warteten auf den Einlass vor dem düsteren Hochsicherheits-Betongebäude, nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 eigens errichtet für Verfahren in Sachen Terrorismus und Schwerstkriminalität.

Vor 10 Jahren: Auftakt zum Sauerlandprozess
Audio [SR 3, Filipp, Gabor, 23.04.2019, Länge: 04:10 Min.]
Vor 10 Jahren: Auftakt zum Sauerlandprozess

Unter dem Gebäude verschwand der Konvoi mit den Terrorangeklagten in einer Tiefgarage. In einem der Wagen saß Daniel S., Mitglied der Sauerlandgruppe, die eine Zeitlang als WG in Dudweiler-Herrensohr war.

Auffällig, aber geduldet

Der Nachbarschaft war das Quartett zwar aufgefallen, die vier Männer erschienen ihnen aber harmlos. „Die haben sich benommen wie jeder andere auch“, erinnert sich einer. Aber die jungen Männer waren entschlossene Dschihadisten, die in Deutschland Sprengstoffanschläge vom Ausmaß des 9/11 verüben wollten, unter anderem auf die Airbase in Ramstein. Die Anklage lautete auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags und Verabredung zum Mord.

Material schon gekauft

Große Mengen an Wasserstoffperoxyd und Mehl hatte das Quartett für die Bombenherstellung zusammengekauft. In Herrensohr wohnten die vier in einer ehemaligen Bäckerei, nutzten deren Backstube als Moschee, fielen etwas durch ihre ständigen Gebete und Gesänge auf, wurden aber geduldet, auch wenn manche Besucher aussahen wie Afghanen.

So gekleidet erschienen die Angeklagten auch hinter dem Panzerglas des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Daniel S., damals mit 24 Jahren der jüngste der vier, hatte die höchste Strafe zu erwarten, weil er eineinhalb Jahre zuvor beim Zugriff durch die GSG9 einem Beamten die Pistole entrissen und auf ihn geschossen hatte.

Aus der Bahn geworfen

Der gebürtige Neunkircher und getaufte Katholik Daniel S. war in Friedrichsthal aufgewachsen und dort auch im Kindergarten. Die Eltern, deren Trennung und ein jahrelanger Scheidungskrieg warfen den unauffälligen Jungen, der später am Steinwaldgymnasium ein guter Schüler war, irgendwann aus der Bahn. Er trat zum Islam über, aß kein Schweinefleisch mehr und entwickelte einen Hass auf das System. Daniel S. reiste zu Korangelehrten nach Ägypten und lernte Arabisch. Sein Ziel nach dem Wehrdienst: der bewaffnete Dschihad mit der Ausbildung am Hindukusch und dem neuen Namen Abdallah, Diener Allahs.

Geständnis und Abkehr vom Islam

Im Düsseldorfer Prozess war es dann Daniel S., der nach Monaten den Anstoß für die Geständnisse gab. Die Angeklagten packten angesichts der erdrückenden Beweislast in ihren Gefängnissen einzeln aus und sorgten so für 1700 Protokollseiten. Darin sagten sie über die Anfänge der Gruppe, die Ausbildung im Terrorcamp und die Anschlagsvorbereitungen aus.

Der auf bis zu drei Jahre angelegte Prozess endete nach zehn Monaten. Daniel S. erhielt zwölf Jahre Haft, nahm das Urteil an und sagte, er hätte anders handeln können und müssen. Dem Islamismus schwor er ab und kündigte an, das Abitur nachholen zu wollen. Das tat er dann auch in der Saarbrücker JVA und beendete dort auch ein Fernstudium. Im September 2015 wurde er in die Freiheit entlassen.

Über dieses Thema hat auch die SR 3 Region am Mittag vom 23.04.2019 berichtet.

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