Szenenfoto "Der Weg zurück" (v.l.n.r. Raimund Widra, Verena Bukal, Christiane Motter, Fabian Gröver, Silvio Kretschmer, Barbara Krzoska, Anne Rieckhof (Foto: ©Martin Kaufhold)

"Der Weg zurück" - eine Dystopie

Patrick Wiermer   24.01.2022 | 12:30 Uhr

Was passiert, wenn wir dem Fortschritt abschwören? Was macht das mit uns Menschen? In dem Stück des britischen Dramatikers Dennis Kelly wird ein bitteres Bild davon gezeichnet, was es bedeuten könnte, wenn die Menschen den Weg Regression wählen würden. Am 23. Januar hatte das Stück in der Alten Feuerwache Premiere. Eine Premierenkritik von Patrick Wiermer.

Elektronisches Gewabere vor weiß steriler Kulisse, die Schauspieler: weiß uniformiert. Es ist eine trostlose, eine entmenschlichte Welt. Die Technologie kontrolliert das Leben, der Mensch: ihr Sklave.

Premierenkritik: "Der Weg zurück"
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 24.01.2022, Länge: 03:12 Min.]
Premierenkritik: "Der Weg zurück"

Zum Beispiel, wenn etwa der Kinderwunsch von dem Segen der Reproduktionsmedizin abhängt. Es ist die erste von fünf Szenen. Ein langer Monolog, überzeugend vorgetragen von Fabian Gröver, über Hoffnungen und Enttäuschung des Kinderkriegens – und des Kindermachens. Erst mit Hilfe der Medizin entsteht neues Leben.

Aus Trauer wird Hass, wird eine Bewegung

Der Preis dafür ist hoch. Die Mutter stirbt und treibt den Vater von tiefster Trauer in die Überforderung und letztlich in den Hass auf Technologie und Wissenschaft. Es ist der Beginn einer neuen Bewegung, der „Regression“. Man würde sie heute Querdenker nennen.

"Wir wissen so viel. Warum wissen wir so viel? Und ich begreife langsam, dass dieses Wissen, dieses scheiß Wissenwollen, das uns umtreibt, dass das in Wahrheit Krebs verursacht."

Die Radikalisierung

Durch seine Tochter und ihren Liebhaber wird die Bewegung zusehends radikaler. Biotechnikfirmen und Rundfunkanstalten brennen. Wissenschaftler werden entführt und hingerichtet. Aus der Revolution wird bald eine Ideologie.

Der Nationale Rat der Regression – Raimund Widra und Barbara Krozska spielen ihn als lächerlichen Haufen von Möchtegernfaschisten - verbannt sämtlichen Fortschritt zwischen Medizin und Justiz. Die Sprache, das Grundübel der Erkenntnis, wird reduziert. Wörter mit mehr als zwei Silben werden verboten.

Der Preis der Regression

Vom wissenden Mensch ist nicht mehr viel übrig, er wird zum Tier. Der Rückkehr zum Urzustand. Sind jetzt alle glücklicher? Das ist eine der zentralen Fragen des Stückes, denn der Preis der Regression ist auch der Rückschritt des Menschseins. Unfähig zur Liebe, reduziert auf den Körper und Erotik, der Geist verstümmelt.

Es ist ein wiederkehrendes Motiv der Dystopie. Und da bedient sich „Der Weg zurück“ lose an Vorbildern wie George Orwells „1984“. Ganz so leicht verdaulich wie der auch heute noch oft gelesene Klassiker ist „Der Weg zurück“ aber nicht.

Szenenfoto "Der Weg zurück" (v.l.n.r. Anne Rieckhof, Barbara Krzoska und Ensemble) (Foto: ©Martin Kaufhold)

Diese zwei Stunden, ein 40 Minuten Worttsunami, muss man wollen. Gerade in der ersten Hälfte fragt man sich, ob es nicht auch ein Hörbuch getan hätte – so wenig passiert da auf der Bühne. Das Stück wirkt zäh und ziellos.

In der zweiten Hälfte gewinnt das Ganze allerdings an Fahrt - und endet letztlich in der Regression von der Regression, weil der Mensch eben doch ein neugieriges Wesen ist.

Für den Zuschauer bleibt "Dieser Weg zurück" über weite Strecken ein Weg durch die Dornenhecke. Als Satire – sei es an der blinden Fortschrittsgläubigkeit oder am naiven Glauben an den Urzustand - bleibt das Stück zu unscharf. An der schauspielerischen Leistung lag es indes nicht. Die wurde auch mit entsprechend viel Premieren-Applaus gewürdigt.


Auf einen Blick


Die alte Feuerwache, Saarbrücken (Foto: Kai Forst)

"Der Weg zurück"
Schauspiel von Dennis Kelly
Saarländisches Staatstheater
Alte Feuerwache, Saarbrücken
www.staatstheater.saarland

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 24.01.2022 auf SR 3 Saarlandwelle

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