Premierenkritik: "Eine kurze Chronik des künftigen China"

"Eine kurze Chronik des künftigen China"

Barbara Grech   12.04.2021 | 14:44 Uhr

Im Rahmen des Saarland-Modells darf das Staatstheater wieder vor Publikum spielen. Und am ersten Öffnungswochenende gab es gleich drei Premieren. Nach Operette und Tanz feierte am 11. April in der Alten Feuerwache das Schauspiel "Eine kurze Chronik des künftigen China" Premiere - und zwar als europäische Uraufführung. Eine Premierenkritik von Barbara Grech.

Szene aus "Eine kurze Chronik des künftigen China" am Saarländischen Staatstheater (Foto: SST/Martin Kaufhold)

China ist in Bewegung, um nicht zusagen auf der Flucht. Ein Paar, das ein Kind erwartet, flüchtet aus Peking mit dem Zug in Richtung Hongkong. Dort wollen sie in Freiheit leben, dem Kind eine Zukunft geben. Ein junger Mann hingegen reist in die entgegengesetzte Richtung: von Hongkong nach Peking, um die Asche seines verstorbenen Vaters in die Heimat zu bringen. Doch das ist nur der oberflächliche Handlungsstrang, um den sich ein Reigen aus apokalyptischen Untergangsvisionen und horrorhaften Traumsequenzen eröffnet.

Dem jungen, aus Hongkong stammenden Autor Pat to Yan gehe es um die Themen Freiheit und Demokratie, die Macht der Künstlichen Intelligenz im Politischen als auch Wirtschaftlichen, sagt der Chefdramturg des saarländischen Staatstheaters, Horst Busch. Und diese Themen seien für den Autor überall auf der Welt relevant.

Szene aus "Eine kurze Chronik des künftigen China" am Saarländischen Staatstheater (Foto: SST/Martin Kaufhold)

Aber das ist auch der Haken an diesem Theaterstück. Es will zuviel, packt sämtliche Probleme dieser globalisierten Welt in diesen Theaterabend: das Zerbröseln der Demokratie, die Meinungsblasen der sozialen Netzwerke, die Knechtschafft durch die Digitalisierung und, und, und.

Dabei hätte uns doch interessiert, wie die Chinesen mit ihrem totalitären Überwachungs-Staat, wie die Hongkong-Chinesen mit den immer stärker werdenden Repressionen seitens der Volksrepublik China umgehen, und wie der Einzelne sich definiert, seine persönliche Freiheit zu bewahren versucht. Diese Themen werden in der Inszenierung von Moritz Schönecker nur angetippt - doch die Szenen dazu gehören zu den stärksten dieses Theater-Abends. Hätte es doch mehr davon gegeben...

"Eine apokalyptische, philosophisch angehauchte Nummernrevue"

Szenenbild: „Eine kurze Chronik des künftigen China“ (Foto: SST/Martin Kaufhold)

So aber ist die Inszenierung von "Eine kurze Chronik des künftigen China" eher eine apokalyptische, philosophisch angehauchte Nummernrevue. Die ohnehin schon fragmentarischen, mehr oder minder unabhängigen Textpassagen, die sich einer durcherzählten Geschichte verweigern, fallen auseinander, gehen unter im Bühnen-Chaos.

Irgendwo angesiedelt zwischen den düsteren Hollywood-Klassikern "Blade Runner" und "Matrix" wird das Leid dieser Welt zusammenhanglos und in epischer Breite dem Zuschauer vor die Füße gekippt - lediglich zusammengehalten von einer optischen Klammer, einer Art triadischem Ballet.

Fazit: "Theaterkunst sollte mehr können"

Am Schluss stellt sich die Frage: Was ist der künstlerische Mehrwert dieses Theater-Abends? Über Leid und Elend in dieser Welt erfahren wir genug in den täglichen Nachrichten-Sendungen im Fernsehen. Eine wie auch immer geartete Vision, eine Zukunfts-Theorie oder gar die Beschreibung des Untergangs der Zivilisation bietet dieses Stück jedoch nicht. Nichts, was uns weiterbringt und so bleibt der Zuschauer frustriert und ratlos zurück. Theaterkunst sollte mehr können.

Ein Thema in der "Region am Nachmittag" am 12.04.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja