Bildauszug aus der Oper Carmen am Saarländischen Staatstheater (Foto: SR)

Carmen, hochkriminiell in einer Militärdiktatur inszeniert

Karsten Neuschwender   18.06.2022 | 11:05 Uhr

Diese Musik, die Ausstrahlung der Oper Carmen kann man nur lieben. Doch wie zeitgemäß ist diese Geschichte mit der drallen "Zigeuner"-Frau in ihrem roten Kleid? Ist das noch politisch korrekt? Und wie bringt man sowas zeitgemäß auf die Bühne? Eine Premierenkritik von Karsten Neuschwender.

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Opern-Premiere: Carmen hochkriminiell in einer Militärdiktatur inszeniert
Audio [SR 3, Karsten Neuschwender, 18.06.2022, Länge: 03:02 Min.]
Opern-Premiere: Carmen hochkriminiell in einer Militärdiktatur inszeniert

Am 17. Juni hatte die Bizet-Oper am Staatstheater Premiere. Es gab einen Vorhang nach dem anderen, großen Jubel, Standing ovations. Warum?

Zeitgemäßer Blick auf Carmen

Femizid, die Frau als Objekt, die Frau als Ware, das ist einer der großen Erzählstränge in George Bizets Oper „Carmen“ am Saarländischen Staatstheater. Regisseur Jan Eßinger wirft einen zeitgemäßen Blick auf die spätromantische, etwas schlüpfrige Männerphantasie mit dieser unglaublich betörenden Musik.

Und das ist gut so. Denn wenn man sich vor Augen führt, was mit Carmen verbunden wird, so ist das in unserer Gegenwart höchst diskutabel: Die „Zigeunerin“ im roten Kleid als verwegenes Lustobjekt und flatterhafte Femme fatale geht heutzutage eher nicht mehr.

Großartige Bühnenbilder

In einem grauen Kostüm tritt Carmen auf, mit Pistole, streng. Auf der Saarbrücker Bühne lebt sie in einer Militärdiktatur. In der versucht sie sich zurechtzufinden. Sie wird verhaftet, macht sich ihren Aufpasser Don José (Angelos Samartzis) gefügig, der sie am Ende, als sie ihren Freiheitsdrang mit dem Torero Escamillo (Peter Schöne) ausleben will, umbringt.

Das ist das kluge an dieser Version von Jan Eßinger. Carmen ist nicht Teil einer belanglosen Schmugglerbande, sondern hochkriminell, sie verschleppt Kinder und handelt mit ihnen. Mädchen, die in einem der vielen großartigen Bühnenbilder auf Felsen verstreut herumliegen, in blutroten, verführerischen Kleidern wie Ware. Vielleicht war Carmen in ihrer Kindheit selbst eine von ihnen.

Zum Staunen und Nachdenken

Die Regie führt die Problematik „Frau als Objekt“ konsequent durch und erhebt aber an keiner Stelle einen mahnenden Zeigefinger. In Opulenz und Schönheit wird gezeigt, warum aus Carmen das geworden ist, was sie ist.

Carmen Seibel gibt mit wunderbar tiefgründigem Stimmtimbre ihrer Figur Carmen eine kühle, unentrinnbare Attraktivität. Orchester, Chor und Ensemble unter Sébastien Rouland entfachen einen mitreißenden Klangrausch, ein Stück zum Staunen für Augen und Ohren und zum Nachdenken mit Bildern, die einem lange im Gedächtnis bleiben.

Ein Auszug aus der Oper Carmen im Saarländischen Staatstheater  (Foto: SR)
Ein Auszug aus der Oper Carmen im Saarländischen Staatstheater

Nicht nur, wenn Carmen im eng geschnittenen Kleid ihr lebensfrohes Tanzlied singt, zwischen Felsbrocken und einem goldenen Glitzervorhang mit Fackelträgern, Feuerspuckern und einem Stier der lodernd in Flammen aufgeht.

Ein Thema der Sendung "Region am Mittag" am 18.06.2022 auf SR 3 Saarlandwelle.

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