Kommentar: "Es gibt, so scheint es, keine kulturpolitische Lobby in diesem Land"

"Keine kulturpolitische Lobby in diesem Land"

Stefan Miller   10.08.2021 | 12:55 Uhr

Es gibt Menschen die sind so langweilig wie eine Versicherungspolice, jeder setzt sich bei Parties von ihnen weg. Andere ziehen ihre Mitmenschen mit Charme an wie Mücken das Licht. So etwas gibt es auch bei Bundesländern, und das Saarland tendiert im Augenblick dazu, zum Typ Langweiler zu werden, meint Stefan Miller. Ein Kommentar.

Völklinger Hütte (Foto: SR)
Völklinger Hütte

Die touristische Hauptattraktion des Saarlandes, die Völklinger Hütte, ist in einem beklagenswerten Zustand: Die letzte Ausstellung ist seit Monaten nicht abgebaut, den Paradiesgarten kann man nicht richtig erwandern, weil eine Brücke eingestürzt ist, Hüttenjazz ist weg, Urban Art ist weg, die lange angekündigten Bauarbeiten am Wasserhochbehälter haben immer noch nicht begonnen, sogar an dem Modell, das zeigt, wie eine Gasgebläsemaschine funktioniert, fehlt die Kurbel.

Europe 1

Natürlich wird für das alles Corona verantwortlich gemacht. Dabei ist es nur schlampig und lieblos. Das gilt aber nicht nur für das Flaggschiff des saarländischen Tourismus. Bei Europe 1, einem weiteren Paradestück unseres Landes, zu dem Architekturkenner aus ganz Europa pilgern, stehen die Planungen still.

Pinguissonbau

Der Pingusson-Bau in Saarbrücken. (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Den Pinguissonbau des ehemaligen Kultusministeriums, eines der wichtigsten Denkmale für die saarländische Landesgeschichte, möchte der Bauminister am liebsten abreißen. Er habe zu wenig Ingenieure für die Planung. Und er hat es eine Legislaturperiode lang auch nicht geschafft, welche einzustellen oder die Planungen nach außen zu vergeben.

Luisenthal

Förderturm auf der Grube Luisenthal (Foto: SR/Nadine Thielen)

Nächstes Jahr jährt sich das Grubenunglück in Luisenthal zum 60. Mal, eines der schwersten Grubenunglücke der deutschen Geschichte Ein Trauma für das Saarland. Aber was mit den Gebäuden in Luisenthal passieren soll, weiß kein Mensch. Die Industriekultur Saar ist unterfinanziert und dümpelt nutzlos dahin. Zehn Jahre Ende des Bergbaus - was haben wir uns damals nicht alles vorgenommen – und heute: Noch nicht einmal die Halde in Landsweiler Reden ist befahrbar.

Keine Fraktion hebt den Finger

Es gibt, so scheint es, keine kulturpolitische Lobby in diesem Land. Keine Sprecher mit Kultur und Geschichtsbewusstsein. Keine Fraktion hebt den Finger, wenn es um die Industriekultur geht.

Die regierenden Parteien haben Grund genug zu schweigen, weil sie eine Legislaturperiode lang so vieles ausgesessen haben. Auch da wird man vermutlich Corona als Entschuldigung vorbringen. Die Opposition ist damit beschäftigt, sich selbst zu zerfleischen oder hat keine Meinung zur Kultur und Geschichte dieses Landes. In der Stadt Saarbrücken hielt man ja sogar lange einen Footballer für geeignet, das Kulturdezernat zu besetzen. Und als in Tholey, der wohl ältesten Abtei Deutschlands, die Sensation geschah und die Fenster des teuersten deutschen Künstlers, Gerhard Richter, eingeweiht wurden, war die Landesregierung abwesend.

"So langweilig wie eine Versicherungspolice"

In Luxemburg und Rheinland Pfalz kann man archäologische Sehenswürdigkeiten per virtual Reality zum Leben erwecken und so für Touristen erlebbar machen. Das Saarland ist nicht an dem Projekt beteiligt. Das alles ist Ausdruck von Banausentum. Die Teilnahme an einer Talkshow erscheint oft wichtiger, als die Weichen für das Land zu stellen. Ja, Kultur gehört bei uns zu den freiwilligen Leistungen, das macht sie so charmant, wenn jemand sie hat und das macht es so trist, wenn sie fehlt, so langweilig wie eine Versicherungspolice.

Ein Thema in der "Region am Mittag" am 10.08.2021 auf SR 3 Saarlandwelle

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