Das Jahr - die Meinung: Abtei Tholey und die Richter-Fenster

Stolz auf dem Land?

Das Jahr - die Meinung: Abtei Tholey und die Richter-Fenster

Barbara Grech   18.12.2020 | 12:45 Uhr

Eigentlich war die Renovierung der Abtei-Kirche Tholey ein denkmalpflegerischer Coup. Mithilfe eines privaten Mäzens konnten die Klosteranlage und die Kirche, die zu den ältesten frühgotischen Kirchen Deutschlands gehört, aufwändig restauriert und wieder in Stand gesetzt werden. Dem nicht genug: Der weltberühmte Künstler Gerhard Richter steuerte auch noch drei von ihm gestaltete Kirchenfenster bei. Im September war dann die Eröffnung, die weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Und das war nicht nur Corona geschuldet.

Barbara Grech  (Foto: SR/Pasquale D'Angiolillo)
Barbara Grech

Es ist wirklich zum Mäuse melken. Es hätte alles so schön, so perfekt sein können. Wir hätten hier im Saarland stolz sein können. Ein Bauvorhaben tipp-topp umgesetzt, in der Rekordzeit von zwei Jahren und die Kosten sind im Rahmen geblieben. Wann gibt’s das schon mal im Saarland? Außerdem ein kirchen- und kunsthistorischer Schatz gerettet.

Die Abteikirche in Tholey ist wirklich etwas Besonderes. Die älteste frühgotische Kirche in Deutschland. Im Großen und Ganzen auch noch im Original erhalten. Dazu kommt, dass das Kloster selbst als ältestes Kloster auf deutschem Boden gilt. Und dann auch noch das: Gerhard Richter steuert mit seinen „Patterns“ drei wirklich gelungene, überregional beachtete Kirchenfenster bei.

Die Abteikirche Tholey erstrahlt in neuem Glanz (Foto: SR)

Ohne Corona  - der Tourismus in Tholey hätte an Fahrt aufgenommen. Hätte, könnte, sollte… tatsächlich aber verbirgt sich hinter den steinernen Fassaden der altehrwürdigen Abteikirche und den bunt leuchtenden Kirchenfenstern von Gerhard Richter eine Denkmal-Tragödie.

Der Industriellen-Familie Meiser und den Klosterbrüdern von Tholey war nämlich der vom Zahn der Zeit angenagte Zierbogen am Eingang der Kirche ein Dorn im Auge. Doch anstatt mit der zuständigen Denkmalbehörde nach einer Lösung zu suchen, schlug man diesen frühgotischen Bogen schlicht aus der Mauer heraus. Ein Denkmal-Frevel keine Frage. An provinzieller Borniertheit nicht zu überbieten. Das Landesdenkmalamt machte mobil, es kam zu Diskussionen und seitdem passiert… gar nichts.

Nun kann man natürlich darüber streiten, ob der momentan aktuelle Denkmalschützer-Habitus - selbst zerstörte Stücke nur soweit instand zu setzten um den Verfall zu feiern - tatsächlich immer der richtige Ansatz ist. Kann man diesen Zierbogen nicht einfach, nach bestem Wissen und Gewissen, rekonstruieren?

Aber: Einfach das alte Gemäuer raushauen und stattdessen bei einem Steinmetz einen neoromanischen/gotischen oder was weiß ich was für einen Steinbogen in Auftrag zu geben, nach dem Motto "Wer zahlt, bestellt" - das geht gar nicht.

Und so ist diese eigentlich feine Restaurierung der Kirche mit den schmückenden Richter-Fenstern ins Zwielicht geraten. Ausgang ungewiss: Weder Klosterbrüder, noch Stifter-Familie oder das Landesdenkmalamt machen einen Schritt aufeinander zu.

Es wird Zeit! Kloster, Abteikirche und Richter-Fenster sind eine wahrhaftige Attraktion. Daraus ließe sich was machen und zwar jenseits von Kinder-Ringelreihen und Selbstfindungskurse, die vom damaligen Geschäftsführer, Thorsten Klein, ersonnen wurden. Der ist inzwischen im Übrigen auch schon wieder Geschichte. Frater Wendelinus hat diesen Job jetzt übernommen, der – vermeintlich – auch hinter dem abgeschlagen Torbogen steckt.

So geht’s jeden Falls nicht weiter. Etwas mehr Sensibilität gegenüber diesem einzigartigen Denkmal. Etwas mehr Mut zum Kompromiss. Und vor allem: mehr Professionalität. Das benötigt die Abteikirche von Tholey - und zwar dringend.

Die Meinung von Barbara Grech in der "Region am Mittag" im Dezember 2020 auf SR 3 Saarlandwelle.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja