Kommentar: "Das System Ulrich ist noch lange nicht beendet"

"Das System Ulrich ist noch lange nicht beendet"

Thomas Gerber   16.07.2021 | 12:41 Uhr

Das Bundesschiedsgericht der Grünen hat einem Antrag mehrerer Parteimitglieder stattgegeben, die Delegiertenwahl des Ortsverbands Saarlouis für ungültig zu erklären. Damit fehlen bei dem für Samstagmittag geplanten Parteitag zur Neu-Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl rund ein Drittel der Delegierten, die dem Lager um Hubert Ulrich zuzurechnen gewesen wären. Dazu ein Kommentar von Thomas Gerber

30 Jahre hat die Bundespartei gebraucht, um dem Treiben von Ulrich ein Ende zu setzen. Seit der "Panzer", wie er von seinen Kritikern genannt wird, die Saargrünen dominiert, war immer wieder versucht worden ihm beizukommen. Denn schier unglaublich schienen die Mitgliederzahlen der Grünen in Saarlouis. In der 35.000-Einwohnerstadt waren phasenweise so viele Grüne registriert wie in der Millionenstadt Köln. Dass Ulrich Mitglieder kauft, um so Parteitage zu dominieren, konnte aber nie nachgewiesen werden. Generationen seiner Kritiker sind daran gescheitert, haben frustriert den Saargrünen den Rücken zugekehrt. Und auch jetzt gibt es keine Beweise, dass Ulrich Mitgliederlisten frisiert.

Sakrosantes Transparenzgebot

Trotzdem wurde er nun mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Er sei von einer demokratischen Mehrheit auf Platz 1 gewählt worden, wird er nicht müde zu betonen. Aber genau gegen demokratische Grundprinzipien hat er aktuell laut Bundesschiedsgericht bei seiner Parkdeck-Delegiertenwahl in Saarlouis verstoßen - nämlich gegen das bei den Grünen sakrosankte Transparenzgebot. Vertreter anderer Ortsverbände habe er vom Parkdeck gejagt, zugleich aber einen Nicht- Saarlouiser Grünen zum Versammlungsleiter gemacht - den Neugrünen Sebastian Pini, der seit Jahren als Handlungsreisender in der Parteienlandschaft unterwegs ist.

Schlagkräftige Truppe: Ulrichs Panzereinheit

Dass die Bundespartei jetzt reagiert und Ulrich in seine Schranken gewiesen hat, dürfte auch mit der angeschlagenen grünen Gesamt-Konstitution zu tun haben. Nach den Peinlichkeiten um ihre Kanzlerkandidatin können sich die Grünen nicht auch noch eine Causa Ulrich leisten. Zumal der Mann ihnen angesichts seiner Beliebtheit Stimmen kosten würde. Um das Problem in den Griff zu kriegen, braucht es aber mehr als den aktuellen Spruch des Bundesschiedsgerichts. Denn noch zählt Ulrichs Panzereinheit unerhört viele Mitglieder. Wie diese schlagkräftige Truppe zustande kam und kommt, auch das muss aufgearbeitet werden. Andernfalls erwidert "der Panzer" nämlich das Feuer. Das System Ulrich ist so gesehen noch lange nicht beendet.

Ein Kommentar von Thomas Gerber


Mehr zum Thema


Zusammenstellung der Ereignisse
Die Saar-Grünen in der Krise
Am 20. Juni hatten die saarländischen Grünen ihre Liste für den Bundestag aufgestellt. Spitzenkandidat wurde Hubert Ulrich. Infolge gab es Streit, Vorwürfe, Rücktritte. Eine Zusammenstellung der Ereignisse und Kommentare dazu gibt es hier

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja