Friemeleien: „Wie man eine Friemelei schreibt“

„Wie man eine Friemelei schreibt“

Michael Friemel   05.07.2021 | 10:40 Uhr

Ich liebe diese Sätze. Formulierungen, wie sie kein Drehbuchautor erdenken könnte. Etwa: „Jetzt wird der Schaft über den Leisten überholt, also Spitzengezwickt und dabei die Vorderkappe aktiviert, das heißt der Schaft wird an der Brandsohle im Vorfuß mit Hilfe von Schmelzklebstoff befestigt, damit sie sich am Leisten anschmiegt.“

Es sind solche Handwerkersätze, wie dieser von Schuhmachermeister Sascha Roos aus Pirmasens. Sätze, wie sie in der Reihe „Handwerkskunst“ beim SWR minütlich fallen. Ich bin der Handwerkskunst VERfallen. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu gucken, wenn ich bei Youtube oder in der Mediathek mal damit angefangen habe.

45 Minuten ohne Musik, schnelle Schnitte und erschlagende Kommentare. Nur der nahe Blick aufs pure Handwerk und seine Meister.

Die besten Folgen waren bisher die, die ich erst gar nicht gucken wollte, weil sie sich zunächst langweilig angehört haben. Schönstes Beispiel: Wie man ein Schieferdach deckt. Fünf Wochen bei Sonne und Regen auf dem Dach mit den Dachdeckermeistern Rosenkranz aus dem Westerwald. Vater und Sohn, an deren Lippen ich Laie festhing bei Sätzen wie: „Dann haben wir hier den Schieferfuß eingebunden im Gebindestein, und hier einen Anfang-Ort mit Stichstein, Zwischenstein und großem Anfang-Ort rundgehalten.“

Ich war dank der Handwerkskunst schon auf so vielen Hochzeiten zu Gast. Auf der Hochzeit des Highheels, wenn Schaft und Laufsohle zusammenkommen. Auf der Hochzeit des Strandkorbs, wenn Sitzfläche und Haube nach drei Tagen getrennter Fertigung zueinander finden. Und ich habe trotz stundenlangen Guckens noch lange nicht auf allen Hochzeiten getanzt. Ich sehne mich schon jetzt danach, demnächst zu sehen, wie ein Plattenspieler gebaut, und ein Hoftor geschreinert wird. Einschlafen wollte ich bei „Wie man einen Korb flechtet“  - aber ich war noch nie so wach, wie danach. Und die Folge „Wie man einen Grabstein gestaltet“ habe ich inzwischen schon zum dritten Mal gesehen, weil ich Steinmetz Bernhard Mathäss so gerne über gut durchfärbten Hardter Sandstein reden höre.

Mir ist jedenfalls um meine Sonntagabende in der Tatort-Sommerpause nicht bange. Solange ich noch nicht gesehen habe, wie man eine Brille aus Büffelhorn macht, habe ich noch genügend Abenteuer vor mir.

Michael Friemel


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Die Friemeleien: Immer montags in der Sendung "Bunte Funkminuten" auf SR 3 Saarlandwelle.

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