Sendestudio (Foto: Benjamin Morris/SR)

„Ups ….“

Michael Friemel   02.03.2020 | 11:45 Uhr

Oh, ich erinnere mich noch gut an diese leichte Verzweiflung in der Stimme. Dieses fragende „Michael?!?“ Ich dachte eigentlich, ich sei gut in der Zeit. Während der langen Rundschau-Nachrichten um 8.00 Uhr war ich mal eben zur Toilette gehuscht. Nach drei Stunden Frühsendung musste ich mal eine Bach. Aber offenbar hatte ich auf der Toilette ein wenig die Zeit vergessen.

Normalerweise behaupte ich von mir, ein gutes Zeitgespür zu haben. Ich kann ziemlich sekundengenau einschätzen, wie lange ich vor der Tagesschau beim Saarlandwetter reden darf bevor die Uhr schlägt. Und ich kann bis auf zehn Sekunden genau die Dauer eines Titels erspüren, wenn ich während der Musik mal kurz aus dem Studio husche, um was zu holen.

Aber damals, bei dieser Rundschau, da lag ich tatsächlich knapp ne Minute über meinem Zeitbudget.

Sie müssen sich das wie folgt vorstellen: Unsere Nachrichtensprecher sitzen in einem eigenen Studio. Wir haben keinen Sichtkontakt zueinander. Ich ziehe um 8.00 Uhr lediglich deren Mikrofonregler bei mir auf, und dann fangen die an zu lesen. Und wenn die dann um 8.10 Uhr fertig sind, ziehe ich den Regler wieder zu und übernehme mit Wetter und Verkehr.

Aber bei besagter Gelegenheit war ich um 8.10 Uhr, als Karin Mayer mit der Rundschau fertig war, einfach noch nicht zurück. Ich kam also so über den Flur geschlendert, auf mein Studio zu, und hörte Karins Stimme. Sie wiegte mich damit ein wenig in Sicherheit, obwohl ich nicht verstand, was sie sagte. Für mich waren es noch Nachrichten. Aber je näher ich dem Studio kam, umso mehr verstand ich Satzfetzen wie „…bist Du jetzt zurück …“ und „was machen wir den jetzt“, immer wieder unterbrochen von einem hoffenden, wie fragenden  „Michael?!?!“. Es hörte sich so an, wie meine Frau, wenn sie in den Keller runterruft, und sich nicht sicher ist, ob ich noch da bin oder mit dem Altpapier schon zur Kellertür raus und zum Container.

Als mir das bewusst wurde, guckte ich auf die Uhr. Mist. Schon 8.11 Uhr. Mein Zeitgespür hatte mich dieses Mal total im Stich gelassen. Die Bach war zu lang. Ich verfiel zunächst in einen leichten Schritt, dann ins Rennen, und riss, im Studio angekommen, meinen Mikroregler auf um souverän zu antworten: „Aber klar doch Karin, wo soll ich denn sein?!“

Wir haben seither nie mehr darüber gesprochen.

Michael Friemel


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