Kinder auf der Rückbank (Foto: dpa)

Papa, ich muss mal

Michael Friemel   13.08.2018 | 10:40 Uhr

Es war mir in dem Moment klar, als wir an der Raststätte vorbei waren. Es ist doch immer so. Man guckt auf die Tanknadel, überprüft den eigenen Blasenstand, fragt bei den Kindern, ob sie ´s  auch noch aushalten und entscheidet: Ach, wo wir gerade so gut durchkommen, fahren wir einfach mal weiter bis zum nächsten Rastplatz...

39 km hat da gestanden, das packen wir locker. Also weiter. Was erwartet uns nun zwangsläufig hinter der nächsten Kurve: ein kapitaler Stau.

Der Wagen ist noch nicht richtig zum Stehen gekommen, der Schalter für die Warnblinkanlage noch immer nicht gefunden, da ruft schon das erste Kind: „Jetzt muss ich aber ganz dringend.“

Na klar! Und auch der Reservetank meldet sich umgehend mit einem beherzten „Piep“.

Nun geht der Bammel los. Packen wir das noch?
Wenn sie früher als Kind dachten, die längste Zeit überhaupt sei das Warten auf die nächsten Sommerferien, dann erkennen sie heute: Falsch.

Viel schlimmer ist es, im Autoradio zu hören, wie lange der Stau ist, in dem sie gerade stecken – verbunden mit den drängenden Fragen von der Rücksitzbank.

Endlich geht es weiter. Zaghaft löst sich der Stau auf und geht geschmeidig über in zähflüssigen Verkehr, der zwar nervt, aber immerhin die Stätte der Verheißung näher rücken lässt.

Kilometer um Kilometer. Gleich haben wir es geschafft.

Eigentlich schafft man es ja immer. Und komischerweise packt man es gerade noch bis hinter die Toilettentür und keinen cm mehr weiter. Egal wie lange man vorher gewartet hat; - ein medizinisches Phänomen ist das!

Wobei es vorher ja noch einige Hürden zu nehmen gilt. Die Suche nach dem Parkplatz in Toilettennähe, das Finden des Geldbeutels für die Sanifair-Schranke und das Vorbeilotsen der Kinder an dem komischen Automaten im Klovorraum, der aussieht wie ein Zigarettenautomat, der aber statt Glimmstengeln Päckchen mit so lustigen Bildchen drauf für ganz andere Stengel ausspuckt.

Ich weiß noch, dass ich als dann älteres Kind früher immer dachte, Raststätten seien die verruchtesten Orte überhaupt, denn sonst waren mir diese Automaten noch nirgends aufgefallen. Aber so ändern sich die Zeiten; mit dem Alter interessiert man sich auf der Autobahntoilette plötzlich für andere Sachen.

So bin ich mir ziemlich sicher, dass ich, wenn ich in nächster Zeit noch öfter auf ein Raststättenklo muss, bald einen Kaminofen mein Eigen nennen werde. Denn warum auch immer – dort gibt’s einfach die günstigsten Angebote. Direkt in Sitz- bzw. Stehrichtung angebracht hinter spritzgeschützten Plastikfolien rufen sie einem zu: Ja, auch Du brauchst einen Kachelofen.

Liest man, verlässt die Toilette, und setzt an der Raststättentheke noch schnell seinen 50-Cent-Pipi_Gutschein in einen 4,50 Euro Cappuccino um.

Bis es wieder heißt: Papa, ich muss mal …

Michael Friemel


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