Und nach dem Abi geht's nach... (Foto: Imago/Mollenhauer)

Nach´m Abi geht’s auf Tour

Michael Friemel   18.03.2019 | 10:45 Uhr

Noch bis vor kurzem wollten sie alle nach Berlin. Nach der Schule. Wenn man die jungen Leute gefragt hat, was sie denn nach dem Abitur machen wollen, nannte die eine Hälfte ein konkretes Berufsziel, und die andere Hälfte wusste, dass sie erst mal nach Berlin geht. Nicht warum, nicht wofür – Hauptsache Berlin. Und sei es nur für ein paar Wochen. Das war das Größte. Heute kannste mit Berlin keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken.

Das Berlin von heute heißt Neuseeland. Oder Kambodscha. Und die jungen Leute von heute gehen da auch nicht mehr für ein paar Wochen hin, sondern immer gleich für ein ganzes Jahr. Da wollen sie sich selbst, die Welt und sehr gerne auch andere Kulturen kennenlernen. Was sie dort so treiben, ist nicht immer ganz so klar. Sie selbst aber scheinen davon überzeugt zu sein, dass die Welt auf sie wartet, um bedrohte Tierarten zu retten oder in große Kinderaugen zu blicken. Sie leben ihren Traum vom Jahr Auszeit mit dem Rucksack auf dem Buckel, oder der Schlafkammer auf ner Farm.

So weit, so gut! Wer sich in seinem weiteren Bekanntenkreis aber auch mit solchen Fällen konfrontiert sieht, der fragt sich vielleicht wie ich: Wo haben die nur alle die Kohle für so ne Herumscheeserei in der Welt her: Nun - rein organisatorisch läuft das meistens nach dem Prinzip Work and Travel ab. Arbeiten und Reisen. Wobei sich hier zwei Modelle durchgesetzt haben.

Modell 1
Das Kind reist und die Eltern arbeiten, sprich: Die Familie fährt nicht mehr in Urlaub und kauft nur noch bei Aldi und Lidl ein, um sich den eigenen, verpassten Lebenstraum in den Kindern zu verwirklichen. Außerdem macht sich so´n Kind auf Weltreise ganz gut als Statussymbol.

Modell 2:
Das Kind reist und arbeitet dabei selbst für die eigene Unterkunft und Verpflegung. Eine feine Sache, bei der man den Bekannten noch gleich die Nummer mit dem „Verantwortung übernehmen lernen“ verkaufen kann.

Aber: Auch diese Form des Auslandsjahres stößt an ihre Grenzen. Und zwar an ihre Natürlichen. Neuseeland gehen die Schafe aus. Also zum Scheren. Es gibt nicht mehr genug Zotteltiere, um all den jungen Leuten aus aller Welt vorzugaukeln, sie würden gebraucht, und täten für ihr Geld arbeiten.

Michael Friemel


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