Kerzen neben einem Kreuz (Foto: dpa/Bernd Wüstneck)

Kirchenluft

Michael Friemel   08.10.2018 | 10:40 Uhr

Seit Samstag laufen im SR-Fernsehen die neuen Folgen unserer Reisesendung „Da will ich hin!“ Als mich Kollegin Dorothee Scharner kürzlich für SR 3 dazu interviewte, und wissen wollte, ob es eine Begebenheit beim Drehen gab, an die ich mich besonders erinnere, musste ich laut auflachen. Denn plötzlich hatte ich wieder die Kirchen-Omis vor mir. Die strenggläubigen Italienerinnen, die ich im tiefsten Süden Italiens, in Matera kennenlernen durfte.

Es war eine der absurdesten Situationen, die ich je bei Dreharbeiten erlebt hatte. Wir wollten in ihrer Kirche drehen. Kurz vor Beginn des allabendlichen Gottesdienstes die herrlichen Kunstschätze des Gotteshauses zeigen. Wir wollten dabei aber natürlich auf keinen Fall stören und auch nicht als respektlose Frevler dastehen. Aber selbst der Herr Pfarrer war so begeistert von unserem Besuch, dass er uns munter motivierte, nicht nur mit der normalen Kamera zu arbeiten, sondern auch noch mit der Kameradrohne bis unter die Kirchendecke zu fliegen, und das dort befindliche, weltbekannte Fresko zu filmen.

Unsere Bedenken, der kleine Hubschrauber sei ja doch sehr laut, und wir wollten auf keinen Fall geschmacklos auftreten, wischte er mit einem Lachen beiseite! Der Herr wisse ja, dass wir in guter Absicht kämen.

Also ließen wir uns darauf ein und schickten fünf Minuten vor Gottesdienstbeginn unsere Drohne in die Luft. Das Dröhnen war ohrenbetäubend. Und unser schlechtes Gewissen wurde immer größer, je näher wir von hinten kommend auf die in den ersten Reihen knienden Rosenkranzomis  zuflogen. Sie waren zwar vom Herrn Pfarrer vorab informiert worden, aber so ganz geheuer war ihnen die Situation da nicht. Ihren immer wieder nach hinten gerichteten Blicken konnte man eine Unentschiedenheit entnehmen, zwischen leichter Verachtung, aber auch deutlichem Stolz, dass hier in ihrem Örtchen endlich mal was los war, und das Deutsche Fernsehen einen auf dicke Hose machte.

Mit was aber sie, und auch wir nicht gerechnet hatten, war der immense Wind, den die riesige Profi-Drohne im Kirchenschiff erzeugte. Die Situation begann zu kippen als bei einer der Omis das Toupet leicht verrutschte. Vollends beendet waren unsere Dreharbeiten in dem Moment, als beim Einflug in den Altarraum zunächst die Predigt-Notizen des Pfarrers durch die Luft flogen und sich kurz darauf das gehäkelte Kleidchen des Jesuskindes auf Marias Arm zu lüpfen begann.

Was danach passierte kann ich ihnen nicht aus erster Hand berichten. Denn das war der Moment, in dem ich ganz klammheimlich den Rückzug antrat, und Kameramann und Regisseur in der Kirche sich selbst überließ.

Michael Friemel


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