Gartenmöbel (Foto: pixabay)

Kärchern

Michael Friemel   30.05.2022 | 10:40 Uhr

Ich hätte da mal eine Frage an die Mediziner unter ihnen: Kann man eigentlich einen „Kärcherarm“ bekommen? Ich hoffe es sehr. Andernfalls hätte mich der Alterstremor doch recht früh erwischt.

Der erste Schock war groß, als ich am Samstagabend die Gabel nicht wackelfrei zum Mund führen konnte.

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Friemeleien: Kärchern
Audio [SR 3, Michael Friemel, 30.05.2022, Länge: 02:16 Min.]
Friemeleien: Kärchern

Der erste Schock war groß, als ich am Samstagabend die Gabel nicht wackelfrei zum Mund führen konnte. Gott sei Dank verfiel meine Frau nicht mit mir in Panik, sondern wusste gleich, woran es liegen musste. Ich hatte den ganzen Tag über mit Hochdruck ums Haus herum gereinigt. Sechs Stunden lang hatte ich nichts anderes gemacht, als eine schnell vibrierende Wasserpistole für Erwachsene in der linken Hand zu halten.

Bei der Arbeit selbst ist mir das Zittern noch gar nicht so aufgefallen. Sie wissen doch: Wenn Männer kärchern, dann vergessen sie die Welt um sich herum. Es war ein Tag, so wunderschön, ein Tag, wie für´s  Hochdruckreinigen gemacht.

Schon beim Anblick der aufgehenden Sonne wusste ich: Heute mach ich meiner Frau mal den Hof. Und zwar so richtig schön sauber. Keine fünf Minuten nach dem Frühstück war ich draußen.

Ach, was war das für ein gutes Gefühl. Zwei Jahre hatte ich jetzt nicht gekärchert. Aber in diesem Jahr war ich fest entschlossen, Moos und Grünspan auf den Pelz zu rücken.

Die Tücke: Mit der Hochdruckreinigung rund ums Haus verhält es sich wie mit dem Rasieren der Brustbehaarung. Also bei Männern. Hat man einmal damit begonnen, muss man immer wieder ran. Ist die Schutzschicht erst mal weggepustet, setzt der Dreck von Jahr zu Jahr schneller an. Aber sie glauben gar nicht, wie sehr ich es liebe!

Das fängt schon mit dem Ritual der Vorbereitung an. Rein in die Anglerhose und die Gummistiefel. Wasserschlauch abrollen, Kabeltrommel abwickeln, und beides geschickt ums Haus herumführen. Und dann: Dieses berauschende Gefühl, wenn der Motor anspringt und das Gerät zum ersten Mal Wasser zieht. Einfach toll. Den Blick fest auf den zu reinigenden Untergrund gerichtet, legt man los. Verbundsteinreihe um Verbundsteinreihe wird mit stoischer Akribie bearbeitet. Schnell nimmt man nichts mehr um sich herum wahr. Man registriert nicht, wie man die komplette Verfugung im Wahn raussprengt, nicht wie man von Kopf bis Fuß nasser und nasser wird, und auch nicht, wie mit zunehmender Sauberkeit des Bodens die Dreckspritzer an Hauswand und Fenstern zunehmen. Das wird einem erst bewusst, wenn die Stimme des eigenen Gewissens – also die Stimme der Gattin, der man eigentlich den Hof machen wollte – deutlich zu verstehen gibt, dass hier etwas falsch läuft.

Aber, wenn man dann Abends nach getaner Arbeit auf der Terrasse sitzt, und den Blick gemeinsam über die blitzblanken Verbundsteine gehen lässt, dann ist wieder alles gut. Und dann gibt es nichts schöneres, als wenn einem die Liebste sagt: „Ach Schatz, guck nur wie Dein Arm zittert, aber das war´s wert …“

Michael Friemel


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Die Friemeleien: Immer montags in der Sendung "Bunte Funkminuten" auf SR 3 Saarlandwelle.

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