Die Füße eines Schlafenden schauen unter der Bettdecke hervor. (Foto: picture alliance/dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand)

„Der Fliegende Doktor vom Radio“

Michael Friemel   22.06.2020 | 10:45 Uhr

Kennen Sie das, wenn man nachts im Traum Erlebnisse des Tages auf ganz absurde Art und Weise miteinander vermischt? Ich hab´ mir da kürzlich ein ganz besonders schönes Exemplar zusammengeträumt. Zuvor hatte ich am Morgen im Radio über den Haus- und Landärztemangel im Saarland berichtet, und am Nachmittag für arte als Sprecher eine Dokumentation über die Flying Doctors - die fliegenden Ärzte in den entlegenen Regionen von Australien synchronisiert.

In der Nacht fand ich mich dann plötzlich in einer einmotorigen Cessna wieder, mit der ich gerade auf dem Dorfplatz von Ittersdorf gelandet war. Als der Propeller zum Stillstand gekommen war, griff ich meine braune, abgegriffene Arzttasche, und glitt mit einem feschen Sprung aus der Maschine auf das graue Kopfsteinpflaster. Aus den umliegenden Straßen kamen die Kinder des Dorfes auf mich zugerannt. Sie umringten mich, viele von ihnen reckten mir Bilder entgegen, die sie seit meinem letzten Besuch für mich gemalt hatten, einige zupften frech an meiner derben Lederjacke. Mit einem satten Rums ließ ich die Flugzeugtür zufallen und bat den Gemeindepfarrer, der sich freudestrahlend seinen Weg durch die Kindermenge bahnte, ein Auge auf die Maschine zu haben, während ich die Ittersdorfer behandeln würde. In allen Häusern wurde ich mit einer innigen Umarmung begrüßt. Man hatte wieder einen Monat auf mich gewartet. Aber jetzt war ich da, um Blutdruck zu messen, neue Diabetes-Tabletten auszugeben, und werdenden Müttern nach dem Abhören aufmunternd auf die Schulter zu klopfen.

Schnitt. Ohne Ittersdorf verlassen zu haben, war ich plötzlich wieder im Cockpit beim Landeanflug auf das nächste Dorf.  Fragen Sie mich nicht, was mir in Sotzweiler als Landebahn diente - aber im nächsten Moment sah ich um meine Maschine herum schon wieder die Dorfkinder winken. Der Motor war noch an. Der Propellerlärm war ohrenbetäubend. Und er wurde immer lauter.

Mit einem Ruck fuhr ich hoch. Langsam realisierte ich, dass ich nicht im Cockpit einer Cessna der fliegenden Ärzte des Saarlandes saß, sondern in meinem Bett. Trotzdem war das Brummen noch immer da. Eine dick´ Mick hatte sich in unser Schlafzimmer verirrt und flog stoisch ihre Kreise.

Michael Friemel


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