Einkauf in Corona-Zeiten (Foto: dpa/Bernd Wüstneck)

Das Ziel vor Augen

Michael Friemel   15.04.2020 | 10:45 Uhr

Ich schwöre: Das, was ich Ihnen jetzt erzähle, ist kein Witz, auch wenn ich selbst es im ersten Moment für einen gehalten habe. Diese Episode hat sich genau so zugetragen.

Die Dame stand vor mir, und sie war an der Reihe. Hinter mir, immer schön mit 1,50 Metern Abstand, standen fünf weitere Einkaufswagenschieber, und wir alle warteten darauf, dem Automaten zur Pfandflaschenrücknahme näherzukommen. Aber die Frau vor mir machte keine Anstalten, die letzte gelb-schwarze Bodenmarkierung vor dem Automaten zu überschreiten. Unsicher guckte sie stets in Richtung des Sicherheitsburschen in der ebenfalls gelb-schwarzen Warnweste, die ihn – gepaart mit dem kühlen Blick aus den toten Augen heraus – untrüglich als Corona-Supermarkt-Einweisungs-und-Abstands-Helden auswies.

Er war der systemrelevante Helfer in der Not, den uns Gott geschickt haben musste, und dem wir alle, wie wir da in der Schlange standen, mit einem wohlwollenden stummen Nicken unseren stillen Dank aussprachen.

Bei besagter Dame an der Schlangenspitze aber war die Ehrfurcht besonders groß. Sie war an der Reihe, aber sie traute sich nicht über die Linie, wurde die doch auch noch beiderseits von Warnschildern flankiert, mit der Aufschrift: Hier Warten!

Auf ein „Sie sind dran!“ meinerseits reagierte sie nur mit einem nervösen, „Gut.“ Und erst als in der Schlange hinter uns sich Unmut zu regen begann, und der Schlangenwärter mit einer einladenden Geste mit dem rechten Arm immer wieder Richtung Automat deutete, und „Bitteschön!“ sagte, legte sie los. Sie nahm eine erste Plastikflasche aus ihrem Leergutbeutel, und deutete eine Art zielen an. Unser Freund in Gelb und ich warfen uns einen Blick zu – wir ahnten wohl beide, was jetzt kam, konnten aber einfach nicht glauben, dass das nun wirklich passieren sollte. Aber es geschah. Die Frau an der Spitze der Schlange visierte tatsächlich aus zwei Metern Entfernung die Öffnung des Pfandautomaten an, holte aus, bedächtig wie eine Dartwerferin kurz vor dem entscheidenden Punkt, und wollte gerade ihre erste Flasche werfen, als der Helfer näher trat und sagte: „Madame, sie können ruhig drangehen“.

Gott sei Dank! Ich glaube, ich wäre vor Lachen zusammengebrochen.


Michael Friemel


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