Passagiere auf dem Bahnsteig (Foto: dpa)

"Bahnfahrt"

Michael Friemel   05.03.2018 | 10:45 Uhr

Kürzlich war ich mit der Bahn unterwegs. Acht Stunden am Stück. Quer durch Deutschland. Um es gleich zu sagen: Ich kann mich nicht beschweren! Die Züge waren pünktlich, mein reservierter Sitzplatz war vorhanden und auch frei. Was nicht selbstverständlich ist, denn es hätte auch genauso gut anders sein können...

Ich saß in Wagen 24. Davor war Wagen 21. Denn die Wagen 22 und 23 waren, wie wir per Durchsage etwa zwanzig Minuten nach Abfahrt erfuhren, leider nicht mit von der Partie. Warum auch immer. Sie waren einfach nicht vorhanden. Was dazu führte, dass in unserem Wagen ein Kleinkrieg ausbrach. Zwischen uns und den Menschen, die sich von vorne durchgearbeitet hatten, und nun nach numerischer Logik ja davon ausgehen mussten, sich in ihrem Wagen zu befinden. Taten sie aber nicht. Und so mussten ich und meine Mitfahrer in Wagen 24 uns ständig dafür rechtfertigern, auf unseren reservierten Plätzen zu sitzen. Von einem Zugbegleiter, der für Klärung hätte sorgen können, war zunächst einmal keine Spur. Der wusste schon, warum er sich da erst mal an den vier Personen in der ersten Klasse an der Zugspitze abarbeitete.

Aber ich sollte später noch Gelegenheit bekommen, den Zugbegleiter kennenzulernen. Als er nämlich auftauchte, um mit der altbekannten Schaffnerzange aus dem vorvorherigen Jahrhundert die Billets abzuknipsen.

Da war er bei mir jedoch falsch. Dachte ich zumindest. Denn ich hatte Online gebucht, und somit auch ein Online-Ticket erhalten. Eine Mail, mit scannbarem QR-Code, die ich in meinem iPhone mit mir führte. Aber als ich dem Schaffner das hinhielt, schüttelte er nur den Kopf und meinte, das ginge so aber nicht. Er brauche das Ticket in ausgedruckter Form.

Liebe Freunde von der Bahn. Ihr seid so lustig. Das Ding heißt Online-Ticket. Ich habe es kurzfristig gebucht. Und Ihr selbst habt sogar einen Barcode zum Scannen darauf untergebracht.

Aber was rege ich mich eigentlich auf? Was will man von einem Unternehmen verlangen, dessen Zugbegleiter im einundzwanzigsten Jahrhundert noch mit einem zerfledderten Kursbuch durch die Reihen laufen, während die Passagiere ihnen auf ihren Smartphones zeigen, wo ihr Zug gerade steckt.

Aber dann gab es doch noch ein entschädigendes Highlight. Laola im Großraumwagen. Zuerst eine Lautsprecherdurchsage, ein "Achtung ein Reiseruf" in dem "Frau Valerie Schön" gebeten wurde, das Zugpersonal anzusprechen.
"Frau Valerie Schön" saß in unserem Wagen und tat genau dies vor unser aller Ohren.
"Ja, das bin ich, was gibt es denn???"
Worauf der Schaffner sagte: "Ihr Mann hat gerade angerufen - sie haben ihn am Bahnsteig in Leipzig vergessen!"

Michael Friemel


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