Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Isabel Sonnabend)

Straßenkunst für Jedermann

Der Urban ArtWalk Saarbrücken

Isabel Sonnabend   16.06.2019 | 16:05 Uhr

In der Saarbrücker Innenstadt sind 13 große Wandgemälde von renommierten Künstlern gestaltet worden. Die Idee des Künstlers und Initiators Patrick Jungfleisch: Graffiti aus der Galerie heraus wieder mehr auf die Straße und unter die Bürger zu bringen.



Dazu bieten FührerInnen öffentliche Walks zu den Graffiti-Wänden an. Samstagmittag, am Rathausplatz in Sankt Johann. Es gibt eine kleine Tour de Kultur Spezial, mit Saskia Riedel, Kuratorin und Kunstführerin. Die Route heute führt vom Rathaus aus in die Futterstraße über die Hochschule für Musik zurück ins Nauwieser Viertel. Diese Führung dauert etwa eineinhalb Stunden.

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Holger Kiefer)
Saarbrücken, Mainzer Straße: Fintan Magee, "Boyhood".

„Das ist keine klassische Führung. Ich möchte die Leute zum Selber-Nachdenken anregen, also suche ich mir vier bis fünf Bilder aus, nehme sie mit vor die Wandbilder und stelle wahrnehmungsbasierte Fragen, das heißt: Was siehst du, was fühlst du und was denkst du bei der ersten Betrachtung?“

Die Bilder auf sich wirken lassen

Wir schlendern auf der Bahnhofstraße Richtung Bahnhof und landen im „Bermuda-Dreieck“ des ArtWalks: zwischen der Rotenhofs- und der Futterstraße. Von hier aus sehen Passanten gleich drei Wände des ArtWalks auf einmal, die Wand Broadway, Saarbroken und The Antonymy. Für die Tour de Kultur schauen wir uns Broadway genauer an. Es zeigt zwei Frauenaugen hinter farbigen Streifen in der Wand.

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Isabel Sonnabend)
Saarbrücken, Bahnhofstraße: Sen2 Wall 1, "Broadway".

– „Schau dir die Wand genau an. Und dann sag mir, was du für eine erste Assoziation hast, es können auch erstmal einfach nur Wörter sein.“
– „Durchdringender Blick, Regenbogenfarben, aufmerksam.“
– „Was meinst du mit aufmerksam?“
– „Weil die beiden Augen mich so aufmerksam anschauen. Sie machen zwar nur ein Drittel des Bilds aus, aber sind das, was sofort auffällt. Da bleib’ ich immer wieder hängen.“
– „Wie findest du denn ihren Blick, außer aufmerksam?“

Künstler kommt aus Puerto Rico

– „Dafür, dass es so grob gemalt ist, finde ich, dass viel drinsteckt. Er hat viel Tiefe. Sie schaut ein bisschen skeptisch, so wie jemand, den du neu kennenlernst oder so wie jemand, den du in der Bahn beobachtest und er sieht dich auch und beide wissen nicht so richtig.“

Broadway ist ein Wandbild von einem Künstler, der ursprünglich aus Puerto Rico kommt. So hat er bunte Farben verwendet, wegen seines karibischen Ursprungs.

Die Wirkung der Farben

– „Wie tritt es in Interaktion mit den Farben?“
– „Das Blau von den Augen ist ja auch in dem Regenbogenstrich da unten. Und da oben, an diesem Lilastreifen, ist auch wieder blau. Sie fügt sich gut in das Bild rein und gleichzeitig sticht sie so raus, als würde sie nicht ganz dazugehören.“
Wir vertiefen uns immer mehr ins Gespräch, und so entsteht aus den groben Anfangsideen eine konkrete Idee über das Bild.
– „Was würdest du den Farben für eine Bedeutung zuschreiben, nur diesen großflächigen Farben und Formen? Also was bedeutet für dich ein blauer Ton oder rosa und lila?“

Jeder erkennt was anderes in den Bildern

– „Lila bedeutet für mich immer Veränderung und Aufbruch und Bewegung, genauso wie blau. Das da unten ist ja eine Art blauer Regenbogen, wie eine Straße zur Veränderung. Vielleicht hat sie ja was Neues vor!“
– „Also könnte der Blick auch in die Zukunft weisen?“
– „Ja, sie guckt ein bisschen zweifelnd, aber auch ein bisschen herausgefordert und neugierig. Ich denke, bei der passiert einiges. Sie versteckt sich noch ein bisschen hinter den Farben, und gleichzeitig hat sie Lust, rauszukommen aus dem Bild!“

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Axl Klein)
Saarbrücken, Bahnhofstraße: Smash137, "Unmoral Mural".

Künstler aus Paris, New York, der Schweiz

Saskia Riedel lacht, das sind schöne Momente für sie, wenn jedes Mal wieder jemand das Bild neu sieht. Für die Bilder wurden renommierte Künstler unter anderem aus Paris, der Schweiz, New York und Deutschland ins Saarland geholt, finanziert vom saarländischen Kulturministerium. Die Künstler sollten mit ihren Werken die Wände verändern, und die Bilder sollten sich gleichzeitig architektonisch gut einfügen.

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Axl Klein)
Saarbrücken, Bahnhofstraße: Sowat & Lek, "Saarbroken"

– „Wenn du jetzt die Umgebung mitbedenkst, wo wir uns befinden: Wie denkst du, passt das Bild da rein?“
– „Das Gebäude ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Jetzt ist es viel präsenter. Und was ich auch schön finde, dass es neben einer Buchhandlung ist. Weil eine Buchhandlung ja immer mit ganz vielen bunten Geschichten zugestopft ist und ich finde, dass so ein buntes Gemälde neben eine Buchhandlung gut passt.“

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Patrick Jungfleisch)
Die Führung gibt's auch fürs Smartphone.

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Axl Klein)
Saarbrücken, Bleichstraße: Alexey Luka, "One short story".

Das, was Riedel jetzt in den Führungen macht, hat sie zu Beginn des ArtWalks für eine App produziert, ARCS Audio. Über die App können Interessierte hören, was andere Menschen sich zu den Hausgemälden denken. Klickt der Benutzer auf ein Bild, erscheinen darunter geführte Audiointerviews mit Menschen unterschiedlichsten Alters und aus unterschiedlichsten Berufsgruppen, sodass sich Passanten für einen Moment über die App imaginär einen anderen Betrachter an die Seite stellen können.

Zu dem Bild Broadway sagen zwei Schülerinnen, sieben und acht Jahre alt: „Das Bild erinnert mich an Ladybug. Das ist eine Superheldin aus einem Film. Die beschützt alle und rettet alle. Die Frau hier könnte zum Beispiel auch so Handschuhe anhaben, wo man was rausschießen kann. Vielleicht versteckt sie sich gerade hinter den Streifen, weil sie die Welt retten will. Oder vielleicht ist sie schüchtern und versteckt sich deswegen dahinter.“ 

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Patrick Jungfleisch)
Saarbrücken, Futterstraße: ConeTheWeird, "The Antonymy".

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Alex Bloch)
Saarbrücken, Försterstraße: Remi Rough & LX.One, Theo is looking at the window.

Diese Art der ArtWalk-Führung lässt jedem den Freiraum, die Kunst so zu interpretieren, wie er möchte. Es fühlt sich an wie ein Spaziergang, auf dem ab und zu ein Gemälde auftaucht, das dann besprochen wird. Ganz „normal“ und unaufgeregt authentisch, eben wie für den „normalen“ Bürger auf der Straße. „Viele haben ja Angst, dass sie etwas besonders Schlaues sagen müssten zur Kunst. Ich denke, Kunst, und in diesem Fall jedes Bild an der Wand, ist ein Rätsel. Und das kann von jedem neu entschlüsselt und entdeckt werden.“

Kunst also wird bei dieser Führung zu einem Erlebnis ganz aus der Sichtweise des Betrachters, weniger aus der des Künstlers. Ganz am Ende der Führung bietet Riedel noch einen Kaffee im Nauwieser Viertel an, „je nachdem wie die Stimmung in der Gruppe ist. Wenn die Leute Lust haben und ihnen noch was einfällt zu den Bildern, können wir das gern bei einem Kaffee im Viertel ausklingen lassen.“

Artwalk: Wandgroße Bilder in Saarbrücken.  (Foto: Holger Kiefer)
Saarbrücken, Mainzer Straße: Raks & Laune, "Die Suche".

Unabhängig davon, wie der Einzelne die Bilder in der Stadt wahrnimmt, ob durch eine der Führungen, über die App oder im Vorbeischlendern: Da sein soll die Kunst für Jedermann. Für Kunstkenner, -interessierte oder zufällige Passanten, die für einen kurzen Moment im „ArtWalk-Freiluftmuseum“ einen Ausschnitt der internationalen Graffiti-Szene kennen lernen.


Auf einen Blick


Kontakt
Rathaus St. Johann
Rathausplatz 1
66111 Saarbrücken
Tel.: (0681) 95 90 92 00
E-Mail: gruppen.info@city-sb.de

Termine
März - Okt. jeden zweiten und vierten Samstag im Monat, jeweils um 15.00 Uhr.
Treffpunkt: Rathaus St. Johann in Saarbrücken, Rathausplatz.

Preise
9,- € pro Person, nur mit Voran­meldung! Maximale Teilnehmerzahl 10 Personen.
Tickets und Reservierungen sind über die Tourist Information im Rathaus Sankt Johann erhältlich.

Anfahrt
Mit der Saarbahn oder mit dem Bus, Haltestelle Johanneskirche. Mit dem Auto in Richtung Saarbrücker Innenstadt/Rathaus in Sankt Johann.

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